Wenn mehr Produktivität mit weniger Arbeit einhergeht

Wohin mit der Produktivität?

Produktivität in einer anderen Liga: IT in Indien© Getty Images

in einer anderen Liga: IT in Indien

Wohin der Produktivität?

Produktivität ist so etwas wie die Planck’sche Konstante der volkswirtschaftlichen Wachstumstheorien. Zu sagen, dass die Produktivität, also der wirtschaftliche Ertrag pro Einheit der eingesetzten Ressource, in den Industrieländern stetig steigt, ist beinahe so, als würde man ein Naturgesetz verkünden; insbesondere wenn man die Produktivität des Faktors Arbeit betrachtet. So teilt uns beispielsweise das statistische Bundesamt mit, dass eben diese in Deutschland zwischen 1991 und 2011 um 22,7% je Erwerbstätigen gestiegen sei. Bezogen auf die Produktivität der Arbeit je Stunde, die ein Arbeitnehmer oder Selbständiger tatsächlich arbeitet, konstatiert das Amt sogar einen Produktivitätsanstieg von 34,8% im selben Zeitraum. Was aber bezeichnen die 12,1% dazwischen?

Wenn mehr Produktivität mit weniger Arbeit einhergeht

Sie bezeichnen den Umstand, dass zwischen 1991 und 2011 Arbeitnehmer und Selbständige nicht nur kontinuierlich mehr Produktivität pro Stunde erzielt, also mehr Wert “geschöpft” haben, sondern das gleichzeitig ihr gesunken ist. In Zahlen ausgedrückt haben Arbeitnehmer und Selbständige 2011 9,0% weniger Stunden gearbeitet als 1991. Die Produktivität steigt und alle müssen weniger arbeiten? Ist schon Weihnachten? Nicht ganz, denn hinter diesen Zahlen verbergen sich Umstände, die, obwohl selten in der Öffentlichkeit betrachtet, weder Geheimnisse darstellen noch sonderlich weihnachtlich stimmen. “The Great Decoupling” (“die große Entkopplung”) nennen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom “Massachusetts Institute of Technology” (MIT) das. Und was sich da entkoppelt sind die Produktivität von Arbeit auf der einen und die Entwicklung des Arbeitsvolumens auf der anderen Seite.

Das Märchen vom dritten Sektor

Nun hatten wir ja selbst im hierzulande höchst unzureichenden Wirtschafts-Schulunterricht gelernt, dass die in den Industrieländern seit etlichen Dekaden einen kontinuierlichen Rückgang der Beschäftigung in den primären () und sekundären (Produktion) Wirtschaftssektoren erwartet. Dieser Rückgang beruhe auf nichts anderem als eben der Steigerung der Produktivität und werde kompensiert werden vom Anwachsen des Dienstleistungs- (“tertiären) Sektors. So ist es gekommen, mit dem feinen Unterschied, dass die Kompensation der Produktivitäts-Auswirkungen in den ersten beiden Sektoren durch das Wachstum des dritten eben nicht vollständig ist. Wenn das aber stimmt, warum haben wir dann nicht mehr Arbeitslose? Nun, abgesehen von den statistischen Feinheiten der Erwerbslosen-Zählung deshalb, weil wir – gerade aber nicht nur in Deutschland – in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs an -Arbeit verzeichnen; übrigens nicht nur unter Frauen, wie gern behauptet wird.

Die wirklichen Probleme

Dass die Produktivität des Produktionsfaktors Arbeit im (post-)industrialisierten Teil der Welt weiter steigen wird, steht außer Zweifel; die früher viel zitierten „“ sind nicht in Sicht. Und die Entwicklung etwa des Produktivitätsfaktors Informationstechnologie, die von vielen Zeitgenossen bereits heute als Bedrohung empfunden wird, kommentieren die erwähnten MIT-Forscher mit einem wohl zutreffenden “das war noch gar nichts” (“we ain’t seen nothing yet”). Was bedeutet das? Nun, das bedeutet vor allem, dass es in der Zukunft – mehr als ohnehin bereits – zwei Arten von Jobs geben wird: Den, bei dem man einem Computer sagt, was er tun soll und den, bei dem man von einem Computer gesagt bekommt, was man zu tun hat. Ob darüber hinaus der beschleunigte Alterungsprozess unserer Gesellschaften oder die Produktivitäts-Spirale das Rennen um die Zukunft macht, ist noch nicht ganz entschieden. Schön wird beides nicht, aber schon machen die Nicht-Beschlüsse des Klima-Gipfels in wieder Hoffnung, dass unsere wirklichen Probleme ohnehin woanders liegen werden.

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