Zum Wissenschaftsverständnis nach Guttenberg

Wissenschaft oder Blutvergießen?

Wissenschaft oder Blutvergießen?

oder Blutvergießen?

Soll man, darf man von der Wissenschaft und ihren Regeln sprechen, wenn in Afghanistan deutsche Soldaten sterben? Diese Frage wird von der “Bild”-Zeitung, dem Ministerpräsidenten Baden-Württembergs und anderen – überzeugten oder strategischen – Verteidigern von Dr. a.d. gestellt. Ist Wissenschaft wichtig genug für eine Debatte um einen, der sich im Glanz des “Dr.” sonnen wollte und meinte, die Regeln für dessen Erwerb ignorieren zu können? Muss man sich entscheiden zwischen Wissenschaft und Blutvergießen? Dass Deutschlands größte Boulevardzeitung für ihren Lieblingspolitiker Stimmung macht, ist eine Sache, dass weite Teile der Unionsparteien, die doch Bildung und Wissenschaft gar nicht oft genug zur “höchsten Priorität” erklären können, in den Chor mit einstimmen, ist eine Bankrotterklärung. Mehr noch, es ist infam.

Zum Wissenschaftsverständnis nach Guttenberg

Wohin führt eine solche Fragestellung, wenn man sie ernst nimmt? Darf man über Guttenbergs erschlichene Dissertation schreiben, während in Tripolis ein wankender Diktator Söldner dafür bezahlt, aus Hubschraubern auf das eigene Volk zu schießen? Darf man über eine verpfuschte Steuerreform, Gesundheitsreform, Hartz-IV-Reform streiten, wenn für den Wohlstand der einen Hälfte der Welt die Kinder der anderen zu Arbeitssklaven gemacht werden? Was macht es schon, wenn man die Krankenkassen mit dem Verkauf subventionierter Medikamente um Millionen erleichtert, wenn anderswo Menschen zu Tode gefoltert werden? Ist dies das Niveau, auf dem im demokratischen Rechtsstaat diskutiert werden soll?

Von “summa cum laude” zur Aberkennung in drei Tagen

Auffällig ist jedenfalls, dass der Fall Guttenberg eines nicht nach sich gezogen hat: Eine Debatte über ein Wissenschafts-System, in dem sich die akademische Höchstbewertung “summa cum laude” (“mit höchstem Lob”) für eine Doktorarbeit innerhalb von drei Tagen in die Aberkennung des Titels wegen “gravierender Verstöße gegen die Prüfungsordnung” verkehren kann; auf Basis derselben Arbeit. Stand, so deutlich muss man es formulieren, die Note eigentlich bereits vor Abgabe der Dissertation fest? Wurde die Arbeit überhaupt gelesen? Was für ein Betreuungsverhältnis zwischen Doktorvater und Doktorand ist das, wenn Betrug die Note eins mit Stern nach sich zieht?

Wer eine deutsche offenen Auges durchlaufen hat, weiß leider, dass es oft nicht weit her ist mit wissenschaftlichem Anspruch oder auch nur dem Leistungsprinzip. Diesen Umstand zur Bagatelle zu erklären, ist gerade in Deutschland ein Skandal. Oder haben sie unter den fränkischen Wettertannen Öl gefunden?

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