Das Auswärtige Amt, das Dritte Reich und die Semantik

Vom Stricken bis zur Verstrickung

Vom Stricken bis zur Verstrickung

Vom Stricken bis zur Verstrickung

Der Brockhaus erklärt die schöne häusliche Tätigkeit des Strickens mit dem “Anfertigen von besonders leichten, dehnungsfähigen und wärmeisolierenden textilen Flächen aus einem oder mehreren Fäden.” Textile Flächen sind das eine, Legenden das andere. Auch die lassen sich – nun schon im übertragenen Sinne – stricken. Und von diesem Stricken bis zur Verstrickung ist es dann – semantisch – nicht mehr weit. Wenn sich einer beim Stricken der eigenen Legende verstrickt hat, ist das schon Verstrickung? Gerät man vom Stricken bis zur Verstrickung also durch “eine rechts, eine fallen lassen”?

Das Auswärtige Amt, das Dritte Reich und die Semantik

Nun ja, in der Rechtswissenschaft bezeichnet die Verstrickung laut Wikipedia “die dauerhafte Verbindung eines Objekts durch besonderen Akt, die nur durch einen gleichartigen und gleichrangigen Akt gelöst werden kann (Entstrickung).” Aha. Aber worauf wollen wir hinaus? Semantische Spielchen? Aber nicht doch. “Verstrickung” ist das Wort der Woche. Seit nun auch offiziell die selbstgestrickten Legenden vom sauberen Auswärtigen Amt als solche entlarvt wurden, geht sie wieder um, die Rede von der Verstrickung. Um 15 erstaunliche Jahre hat dieser Mythos damit den von der sauberen Wehrmacht überdauert. Die Fäden, aus dem die “dehnungsfähige textile Fläche” besteht, sind klar: Das Auswärtige Amt ist einer, das “Dritte Reich” der zweite, die Stricknadel ist die Semantik.

Selbstgleichschaltung des Auswärtigen Amts

Seit dieser Woche kann man schwarz auf weiß lesen, dass das Auswärtige Amt selbstverständlich am wichtigsten Staatsziel Nazi-Deutschlands, der Ermordung der europäischen Juden, aktiv und mit viel deutscher Disziplin und Gründlichkeit beteiligt war. Dass das überhaupt in Frage stand, ist bemerkenswert, angesichts des Korpsgeistes des “Amts”, seiner überaus erfolgreichen Eigen-PR und dem eingefleischten “Schlussstrich-Bedürfnis” in der Bevölkerung aber nicht überraschend. Das Wort von der “Selbstgleichschaltung” ist hier, wie etwa auch bei den deutschen Universitäten 1933 absolut angebracht.

Das Dritte Reich kommt immer noch “von außen”

“Verstrickung”, so der allgemeine Konsens, soll also die Rolle des Auswärtigen Amts zwischen 1933 und 1945 gültig beschreiben. Und da sieht man ihn dann doch, wie zuvor bei der Wehrmacht, den deutschen Universitäten und all den anderen politischen und gesellschaftlichen Institutionen Deutschlands, die vor, während und nach Auschwitz, Theresienstadt und Buchenwald bestanden: Den semantisch-verräterischen Hinweis, dass das “Dritte Reich” das “Andere” sein soll, dass “von außen” Deutschland und seine Körperschaften einfach annektierte. “Es” handelte, während man selbst behandelt, eben verstrickt wurde. Denn verstrickt wird man in diesem Bild; es wird einem etwas angetan, man tut es nicht selbst. Außer man verstrickt sich in seinen eigenen Legenden.

Bleibt die Frage, wer bei all den Verstrickten eigentlich zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gestrickt hat; außer dem nimmermüden “Bund Deutscher Mädel” (BDM). hatte offenbar eine verdammt große Nadel.

Themenverwandte Artikel, die Sie auch interessieren könnten: