21 Prozent der Deutschen erhalten Niedriglöhne

Vollbeschäftigung durch Niedriglöhne?

Vollbeschäftigung durch Niedriglöhne

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Brüderle hat die Erholung auf dem zum Anlass genommen, den ultimativen Mythos der Deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik zu beschwören. Er sprach davon, dass Vollbeschäftigung “perspektivisch machbar” sei. Beinahe gleichzeitig wurden vom Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen aktuelle Zahlen zur Lohnstruktur in der BRD veröffentlicht. Danach verdienen 6,5 Millionen Arbeitgeber weniger als zwei Drittel des Durchschnittslohns. Laut Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bedeutet das: Rund 21 % der Arbeitnehmer erhalten Niedriglöhne. Funktioniert Vollbeschäftigung durch Niedriglöhne?

21 Prozent der Deutschen erhalten Niedriglöhne

Jeder fünfte Arbeitnehmer in verdient sein Geld folglich im Niedriglohnsektor – ein Begriff, der vor nicht allzu langer Zeit eher mit Volkswirtschaften wie Mexiko oder Irland assoziiert wurde. Zum Vergleich: In den USA ist es jeder vierte, in Frankreich hingegen nur jeder zehnte.
Die deutliche Erholung am Arbeitsmarkt, auf die Wirtschaftsminister Brüderle seine Hoffnung auf “perspektivische” Vollbeschäftigung äußerte, beruht darüber hinaus vor allem auf dem immensen Anstieg an Leiharbeit, die über 30 % der in 2010 neu oder wieder geschaffenen Stellen ausmacht. Vollbeschäftigung funktioniert offenbar durch Niedriglöhne und Leiharbeit.

“Niedriglöhne” in Ost und West stark unterschiedlich

Betrachtet man die Zahlen des IAQ, wird überdies deutlich, dass sich die Lohnsituation im Ost und West der BRD so drastisch unterscheidet, dass man unterschiedliche Messgrößen zur Ermittlung dessen, was als Niedriglohn gilt, verwendet hat. Während man im Westen unter 9,50 Euro von Niedriglohn spricht, gilt im Osten der Grenzwert von 6,87 Euro pro Stunde; wohlgemerkt: 6,87 EUR brutto! Die Zahlen machen deutlich, wie weit die Einkommensrealitäten auch innerhalb Deutschlands auseinander liegen: Würde man den West-Grenzwert für Gesamtdeutschland anlegen, wären im Osten etwa 40 % der Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor tätig.

Zahl der Niedriglohn-Verdiener in Deutschland kontinuierlich gestiegen: Ein Weg zur Vollbeschäftigung?

Hinzu kommt, dass der Prozentsatz derer, die die Niedriglöhne verdienen, seit 1995 um ein Drittel gestiegen ist, und dass zusätzlich auch der Anteil der Arbeitnehmer stetig steigt, die weniger als die Hälfte des Durchschnittslohns verdienen – wir sprechen hierbei von Löhnen um 3 EUR pro Stunde; wohlgemerkt: 3,00 EUR brutto! Die Steigerungsraten in Deutschland sind in der westlichen Welt singulär.

Niedriglöhner überwiegend Frauen mit abgeschlossener Ausbildung

70 % der Bezieher von Niedriglöhnen sind dabei Frauen, von denen 80 % (!) eine abgeschlossene Berufs- oder Hochschulausbildung besitzen. Auch das Zahlen, die nicht so recht zu den blühenden Landschaften passen, die Wirtschaftsminister Brüderle am Horizont offenbar ausmacht.

Die Formel “Vollbeschäftigung durch Niedriglöhne” trifft also ziemlich präzise die Realität in Deutschland. Und – nur zur Erinnerung – mit Vollbeschäftigung meint Brüderle, wie seine Vorgänger auch, eine Arbeitslosenquote von 4 %.
Der Rest? Nun ja.

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  • http://ebook-blog.org/ sap

    Ich finde die Subventionen für die Lohndrücker unerträglich. Warum zur Hölle gibt es keinen Mindestlohn. So groß ist der Betrag, den die öffentliche Hand seit 2005 für die Aufstockung von Niedriglöhnen ausgegeben hat. Mit anderen Worten: Für 50 Milliarden Euro, die die Unternehmen an Löhnen sparten, sind die öffentlichen Hände – also wir Steuer- und Beitragszahler – aufgekommen, weil die Menschen von ihrem Einkommen sonst nicht hätten leben können.

    Siegfried Anton Paul

  • http://www.falsifizierbarkeit.de Wic Wen

    Nach der Marktwirtschaftstheorie von Adam Smith werden hohe Löhne benötigt, um Vollbeschäftigung zu erreichen, nach dem Merkantlismus niedrige, um Massenarbeitslosigkeit aufrechtzuerhalten. Nur der Kapitalismus schafft die absurde Kombination, niedrige Löhne mit Vollbeschäftigung verbinden zu wollen.