Im Verfassungsentwurf für Tunesien sollen die Uhren zurückgedreht werden - besonders für die Frauen

Tunesiens Frauen und der Schoß der Familie

Tunesiens Frauen protestieren© Getty Images

Tunesiens protestieren

Tunesiens Frauen und der Schoß der Familie

“Er für Gott allein; sie für Gott in ihm”, so lautete hierzulande einmal die Formel, nach der die Hierarchie zwischen Gott und seinen Geschöpfen – Mann und Frau – konzentriert war. Ähnliche Formulierungen brachten in dieser Woche zahlreiche Demonstranten – insbesondere Frauen – in auf die Straße. Denn in wird noch immer an einem Entwurf für die neue post-diktatorische Verfassung gearbeitet. Und wenn auch die verfassungsgebende Versammlung Tunesiens nach Ansicht vieler Bürger ihrer Aufgabe nur schleppend nachkommt, drang doch – rechtzeitig zum tunesischen “Tag der Frau” (eine Singularität in der arabischen Welt) – eine äußerst konservative Interpretation der Geschlechterverhältnisse aus der Versammlung an die Öffentlichkeit.

Im Verfassungsentwurf für Tunesien sollen die Uhren zurückgedreht werden – besonders für die Frauen

Die “Ergänzung des Mannes” im Schoß der Familie soll die Frau in Tunesien in Zukunft demnach sein und eine treue “Gefährtin des Mannes beim Aufbau des Vaterlandes”. Viele in Tunesien – nicht nur Frauen – sehen sich angesichts dieser Formulierungen in ihrem Verdacht bestätigt, dass die konservativen Kräfte im Land, die sich durchaus nicht nur in der islamistischen Ennahda-Partei sammeln, mit Hochdruck daran arbeiten, die Errungenschaften hinsichtlich der Gleichberechtigung der Frau in Tunesien rückgängig zu machen. Man darf getrost davon ausgehen, dass die schweigende Mehrheit der Männer Tunesiens einer solche Zementierung der ohnehin in vielen Bereichen ungebrochen praktizierten Hierarchie von Mann und Frau nicht widersprächen.

Generalklausel der Unterordnung

Für die vielen Frauen der Mittelschicht in Tunesien, die sich wie nirgendwo sonst in der arabischen Welt ein gleichberechtigtes Leben erkämpft haben, steht hingegen beinahe alles auf dem Spiel. Die Ennahda hatte zwar immer wieder versprochen, das durchaus moderne Personenstandsrecht in Tunesien nicht anzutasten; wenn die erwähnten Verfassungspassagen tatsächlich Recht werden, muss sie das aber auch nicht. Denn bereits in der Gegenwart hängt in Tunesien die juristische Durchsetzbarkeit der Rechte der Frauen vor allem davon ab, ob der entsprechende Richter – fast ausschließlich Männer bekleiden dieses Amt – gewillt ist, dem geschriebenen Recht auch Geltung zu verleihen. Wenn die vorgesehenen oder usurpierten Spielräume bei der Rechtsprechung nun zusätzlich von einer verfassungsrechtlichen Generalklausel der Unterordnung der Frau unter den Mann überwölbt würden, könnte das der rechtlichen Gleichstellung der Frau in Tunesien de facto ein Ende setzen. Und das ohne dass man seitens der Regierenden den international nützlichen Anschein eines modernen Personenstandsrechts aufgeben müsste.

Die Entscheidung über die Zukunft der Rechte der Frauen in Tunesien ist – wohlgemerkt – noch nicht gefallen. Wie sie letztendlich ausfallen wird, wird als deutliches Signal gelesen werden müssen, wohin die Reise im Ursprungsland des arabischen Frühlings geht.

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