Schizophrenie als Voraussetzung für psychische Gesundheit

Taxifahrt durch Schizophrenien

Taxifahrt durch Schizophrenien© Getty Images

Taxifahrt durch Schizophrenien

als Voraussetzung für psychische Gesundheit

Das klinische Bild der Schizophrenie ist ein komplexes Gebilde. Die aktuelle, zehnte Auflage des Internationalen Verzeichnisses der bekannten Krankheiten (ICD 10) kennt zum Krankheitsbild der Schizophrenie nicht weniger als sieben Untertypen und auch das ist sicher nicht das Ende der diagnostischen Fahnenstange. Unstrittig ist, dass es sich bei der Schizophrenie um eine psychische Krankheit handelt, deren Wesen von der Etymologie des Wortes gut umrissen: “Abspaltung der Seele” könnte man in etwa aus dem Altgriechischen übersetzen. Daraus wurde im heutigen Sprachgebrauch die “gespaltene Persönlichkeit” und das trifft es ebenfalls nicht schlecht.

Abspaltung oder

Blickt man sich offenen Auges in der Welt um, könnte man sich wohl zu der Aussage hinreißen lassen, dass eine gewisse Form der Schizophrenie durchaus funktional sein kann, um das, was man dort sieht, halbwegs gelassen zu nehmen. Wollte man alles, was einem an Menschlichem auf diesem Planeten begegnet – von Kinderhandel und Zwangsprostitution über Armut und Hunger bis zu Krieg und globaler Umweltzerstörung – immer im Bewusstsein mit sich führen, ohne es, ja, abspalten zu können, man würde wohl klinisch depressiv daran werden. Soweit so bekannt. Es gibt allerdings durchaus auch Orte auf der Welt, wo Schizophrenie noch mehr als anderswo geradezu die unbedingte Voraussetzung für psychische Gesundheit zu sein scheint. Die ehemalige muss in Teilen so ein Ort gewesen sein, wahrscheinlich noch heute und eben – gleich nebenan – , besonders , die Hauptstadt.

Algier oder die Hauptstadt von Schizophrenien

In Algier können Sie so gut französisch essen, wie in Paris oder Reims, sie können aus 5000€-Appartements über der Stadt aufs Meer schauen, iPhones kaufen oder Mercedes fahren. Sie können andererseits mit ihrer kompletten Familie mitten in der Stadt auf einem Pappkarton leben, für 20 Cent Kaffee trinken, an einer Staatsbürokratie wie im Frankreich der 1960er Jahre (oder bei Kafka) verzweifeln, in Korruption oder Arbeitslosigkeit ersticken und dabei werden Sie auf 200 Metern von 12 Überwachungskameras gefilmt und von doppelt so vielen Sicherheitsbeamten überwacht. Anders gesagt, sie können dort leicht verrückt werden, oder Sie werden schizophren. Denn eine solche funktionale Schizophrenie muss es sein, die die Menschen in dieser Stadt am Leben hält.

Ein Schatten unter der Oberfläche

Kommt man mit den , wie sich die aus Algier stammenden Algerier nennen, ins Gespräch – am besten im oder im Café – erlebt man, was das heißt. Unter der Oberfläche eines ganz normalen Austauschs – Fußball, Wetter, Leute aus der Provinz (Oran! Constantine!), die sich nicht benehmen können, etc. – kann man es spüren: Da gibt es etwas, das fundamental schief läuft und alle wissen es. Aber niemand redet wirklich darüber, höchstens in Andeutungen oder Witzen. Buchstäblich wie ein Schatten liegt der Zustand des Landes auf den Seelen der Menschen und Abspaltung – Schizophrenie – scheint der einzige Weg, damit umzugehen. Algerier, die es sich leisten können, leben daher oft die meiste Zeit des Jahres im Ausland; geographische Schizophrenie sozusagen. Der Staat wiederum gibt das Bild des paranoiden schizophrenen Typus ab. Auf 400 Demonstranten in Algiers Version des “arabischen Frühlings” 2011 kamen 30.000(!) Soldaten. Schizophren oder tot hieß da schlicht die Wahl. Die Entscheidung fällt dann leicht.

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