Bauwerk

Stiftskirche Oberstenfeld

1. Die frühe Geschichte der Stiftskirche Oberstenfeld

Die Stiftskirche St. Johannes der Täufer in Oberstenfeld ist eines der größeren romanischen Kirchenbauwerke in .

Das Adelige Stift Oberstenfeld wird, einer um 1150 nachgefertigten Urkunde zufolge, im Jahre 1016 gegründet. Bei dieser Urkunde handelt es wahrscheinlich um eine Fälschung, jedoch deutet der weitgehend lückenlose Nekrolog des Stifts darauf hin, dass es tatsächlich schon im frühen 11. Jahrhundert bestand. In diesem Nekrolog finden sich auch Angaben über die Gründer des Stifts, einen Grafen Adelhard und dessen Frau sowie Ulrich, den 1032 verstorbenen Reichskanzler Heinrichs II. und Konrads. II., der hier 1032 seine Grablege fand. Es handelte sich allem Anschein nach um eine Gründung ranghoher Familien aus dem Salierreich. Aus dieser Zeit ist auch durch Grabungen eine erste Kirche mit Krypta im Westteil der heutigen Kirche nachgewiesen. Um 1025 wurde die heute noch erhaltene Säulenkrypta angefügt.

Um 1200 wurde mit dem Bau der dreischiffigen begonnen, deren Grundriss bis heute im Wesentlichen besteht. Möglicherweise diente die Kirche, im Grenzgebiet zweier Bistümer gelegen, auch als Repräsentationsbau und Machtdemonstration des Bistums Speyer gegenüber dem benachbarten Würzburger Bistum. Ihre architektonische Gestalt erinnert – in kleinerem Maßstab – an die des Speyerer Doms. Ein einzelner massiver Pfeiler, der die Reihe der zierlicheren Säulen am südlichen Seitenschiff unterbricht, deutet darauf hin, dass man vielleicht sogar an einen noch größeren Bau und an eine Erweiterung in Richtung Süden gedacht hatte.

Die ältesten erhaltenen echten Urkunden, die den Besitz des Stiftes ausweisen, stammen aus den Jahren 1244 und 1247. 1262 erhielt es eine Satzung vom Speyerer Bischof. Ihr zufolge hatten die Stiftsdamen ein Leben in Keuschheit und Gehorsam, jedoch nicht in Armut zu führen. Die Chorfrauen führten ein religiös geprägtes Leben und hatten unter anderem die Aufgabe, für verstorbene Familien zu beten und Seelenmessen zu feiern. Sie waren jedoch keine Nonnen: Das Stift ermöglichte ihnen eine standesgemäße Lebensführung, verbunden mit einer für die damalige Zeit guten, gehobenen Ernährung und anderen Freiheiten. Es handelte sich um eine Art Versorgungsanstalt, eine Pfründe des Adels für Töchter, die beim Erbgang nicht berücksichtigt und nicht verheiratet werden konnten.

Ein Stift benötigte in der damaligen Zeit einen weltlichen Schutzvogt, der seine Rechte nach außen wahrnehmen und verteidigen konnte. Diese Schutzvogtei oblag seit dem 12. Jahrhundert aus ungeklärten Gründen den Familien von Heinriet und den mit ihnen wahrscheinlich verwandten Lichtenbergern. 1357 kaufte sie Eberhard der Greiner den Herren von Lichtenberg ab.

1536 führte Ulrich von Württemberg die Reformation in Oberstenfeld ein. Auch das Stift fügte sich dieser neuen Ordnung und wurde 1540 adeliges Fräuleinstift. Damit rettete es sich als Institution, im Gegensatz zu den meisten anderen Frauenklöstern in Württemberg.

1634, nach der Schlacht bei Nördlingen, flohen alle Stiftsdamen bis auf eine – Anna von Reitzenstein harrte im verlassenen Stift aus, um zu verhindern, daß der Bischof von Speyer das Recht erhielt, es einzuziehen. 1648, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, war die Oberstenfelder Bevölkerung auf ein Sechstel geschrumpft. Die Stiftskirche war baufällig, andere Stiftsbauten waren zerstört.

2. Nach dem Dreißigjährigen Krieg

1693 brachten französische Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg dem Dorf und dem Stift weitere schwere Zerstörungen bei. Es dauerte fast 20 Jahre, bis man wirtschaftlich in der Lage war, die Schäden zu reparieren: Die Kirche erhielt ein neues Dach, der Turm seine bis heute erhaltene Welsche Haube, und 1713 wurden die Konventsgebäude wiederhergestellt.

Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurde das Stift mediatisiert und dem Herzogtum Württemberg zugesprochen. 1888 bis 1891 fand eine groß angelegte Renovierung der Kirche statt. Barocke Bauelemente am südlichen Seitenschiff wurden durch neoromanische Mauern ersetzt. Der Initiative der Äbtissin Herzogin Mathilde von Württemberg ist es zu verdanken, dass das barocke Seitenportal von 1735 nicht zertrümmert, sondern weiter nach hinten versetzt wurde und somit erhalten blieb.

Auch im Inneren der Kirche wurden, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend, neuromanische und neugotische Stilelemente eingezogen. Die Ölfarbe an den Seitenwänden und den Säulen wurde entfernt, der rohe Sandstein wieder herausgearbeitet. Kanzel, Taufstein und Altar wurden erneuert.

Über dem Altarchor wurde ein Kreuzgewölbe errichtet. Ein Foto von 1866 von Jakob August Lorent zeigt über dem Chor eine flache Decke, die Gewölberippen oberhalb der Seitenpfeiler brechen nach wenigen Metern mitten in der Neigung jäh ab. Man glaubte bis vor wenigen Jahren, es mit einer Behelfsdecke und einer notdürftigen Reparatur von Schäden aus den Kriegen des 17. Jahrhunderts zu tun zu haben. Die ursprünglichen Holzdecken seien damals wohl abgebrannt. Dendrochronologische Untersuchungen in jüngster Vergangenheit ergaben jedoch, daß die Holzdecke aus dem 13. Jahrhundert original erhalten geblieben ist.

Turmkrypta in der Stiftskirche Oberstenfeld

Turmkrypta in der Stiftskirche Oberstenfeld

Der Kirchenbau ist eine typische romanische Basilika mit einem hohen Mittelschiff und zwei niedrigeren Seitenschiffen. Das südliche Seitenschiff, das einen sehr einheitlichen und ruhigen Eindruck macht, ist ein Ergebnis der Renovierungsarbeiten im 19. Jahrhundert: Die Fenster aus der Gotik und der Renaissance und das Barockportal gefielen nicht mehr und wurden durch neoromanische Elemente ersetzt. Das südliche Seitenschiff wurde im Osten von der einzigen noch erhaltenen Apsis der Kirche abgeschlossen.

Die um 1025 erbaute Säulenkrypta ist der älteste erhaltene Teil der Kirche. Sie wurde wohl wegen ihrer Bedeutung als Grablege an zentraler Stelle in den Neubau Anfang des 13. Jahrhunderts eingebettet. Wahrscheinlich waren dort die Stifter beigesetzt. Es handelt sich um eine typische Hallenkrypta der Salierzeit, mit drei gleich hohen Schiffen und einheitlich gestalteten Gurtbögen, deren Stärke von den Kapitellen zur Mitte zunimmt. Durch die romanische Krypta gelangt man in die gotische Turmkrypta, den untersten Raum des um 1230 erbauten Turms. Diese Gewölbekrypta ist wesentlich höher als die romanische Säulenkrypta und dient somit als Basis für den hohen Turmchor. Die Kreuzrippen des Gewölbes lasten unten am Fuß auf Dämonenfiguren. Somit trägt das Dämonische, ganz nach unten verbannt, die gesamte Last des Kirchturms, und wird gezwungen, dem guten Werk zu dienen – ein typisches Motiv im gotischen Kirchenbau. Beide Krypten beherbergen eine große Zahl von Epitaphen aus einer Reihe von Epochen.

Der Turm wurde der gerade fertig gestellten Kirche wenige Jahre später als Chorturm angefügt. Auffällig ist das Obergeschoss mit seiner schiefergedeckten „Welschen Haube“, die erst im 17. Jahrhundert erbaut wurde.

Bildquelle: Wikimedia Commons

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