Ich mach mir die Proportionalität, wie sie mir gefällt

So lügt die Tagesschau mit Statistik

Elektroautos - Tagesschau vs Realität: So lügt man mit Statistik© Tagesschau

Elektroautos – vs Realität: So lügt man mit

Vorab zunächst einmal Entwarnung: Dies hier ist kein zum Himmel schreiender Skandal. Die möglichen Motive der „Täter“ sind nicht verwerflich. Und es geht nicht um das Aufdecken einer großen Verschwörung in der öffentlich-rechtlichen „Lügenpresse“.

Und gerade deswegen habe ich dieses Beispiel gewählt, um nüchtern und ohne allzu große moralische Entrüstung ein Beispiel für das berühmte Zitat Winston Churchills zu geben:
„I only believe in statistics that I doctored myself“ (bzw. zu deutsch: „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“)

Die Kleinigkeit mit den Achsen und dem „Zahlenformat“

Ich schaue also kürzlich die Tagesschau und stoße dabei auf ein simples Diagramm, das genau aus 3 Wertepaaren besteht:
2010 gab es in Deutschland 1.588 Elektro-Autos, 2015 waren es 18.948, für 2020 ist das Ziel der Bundesregierung 1.000.000 Elektro-Autos.

Elektroautos: Statistik laut Tagesschau© Tagesschau

Elektroautos: Statistik laut Tagesschau

Die Y-Achse fehlt vollständig, die x-Achse ist hübsch illustriert, um Vergangenheit und Zukunft abzuheben.

Nun ist es aber eindeutig so, daß zwischen 2010 und 2015, sowie 2015 und 2020 jeweils genau 5 Jahre liegen. Und auch ohne genauere Auswertung erkennt man sofort, daß die Strecke zwischen 2015 und 2020 viel kürzer ist als diejenige zwischen 2010 und 2015.

Warum die Y-Achse fehlt, werden wir später deutlicher erkennen, nur so viel vorab: Weil sie sehr hinderlich wäre, wenn die „Höhen“ der eingezeichneten Werte einfach nicht stimmen.

Es fällt zudem auf, daß für 2010 und 2015 erstaunlich präzise Zahlen angegeben sind, die bis auf das einzelne Elektro- zu stimmen scheinen. Aber anstatt dann auch 1.000.000 zu schreiben, wird hier die Formatierung „1 Mio.“ gewählt. Platzgründe kann man wohl kaum anführen. Liegt es vielleicht vielmehr daran, daß die anderen Zahlen dann noch kleiner, bzw. jämmerlicher wirkten, als sie es ohnehin schon tun?

Die korrekte Darstellung

Nach dieser ersten Kritik stellt sich die Frage, wie das Diagramm eigentlich korrekt dargestellt sein müßte. Ohne jedwede kreativen Eingriffe, einfach nur auf Basis der 3 Jahre mit ihren 3 Werten.

Zunächst einmal muß festgehalten werden, daß die richtige Darstellung durchaus auf einer Bildschirmseite Platz findet. Und daß der Anstieg von 1.588 auf 18.948 Elektro-Autos nun einmal eine Winzigkeit im Vergleich zur angestrebten Zielgröße 1.000.000 ist, das ist nun einmal einfach die Realität. Wenn das bisherige relative Wachstum konstant bliebe (also ca. Faktor 12), würden wir im Jahr 2020 immerhin ca. 230.000 Elektro-Autos erreichen. Um das Ziel zu erreichen, muß die Stärke das Wachstum im Vergleich zu 2010 bis 2015 ungefähr verfünffacht werden, den wir benötigen aktuell ungefähr 50-mal so viele Elektro-Autos, um das Ziel zu erreichen. In 5 Jahren. Klingt unmöglich. Mag sein. Paßt aber nun einmal zur Realität und damit auch zur Darstellung mit korrekter Proportionalität. Denn das „Spiel“ mit der Proportionalität ist der statistischen „Taschenspieler-Trick“, der hier lehrbuchmäßig zur Anwendung kam.

Vergleich durch Überblendung

Betrachten wir nun also die beiden Diagramme gemeinsam, indem wir sie übereinanderlegen und auf Basis der Punkte 1.588 und 18.948, sowie der Länge der Strecke 2010 bis 2015 aufeinander anpassen.

Elektroauto-Statistik: Tagesschau vs Realität© Tagesschau

Elektroauto-Statistik: Tagesschau vs Realität

Egal, was man auch versucht, es funktioniert nicht. Der Anstieg auf 18.948 Elektro-Autos ist optisch übertrieben, der benötigte Anstieg auf 1.000.000 Elektro-Autos untertrieben, der Punkt für das Jahr 2020 repräsentiert in Wirklichkeit das Jahr 2018. Letzterer Punkt ist besonders spannend, weil er logischerweise den resultierenden optischen Anstieg stärker macht als nötig. Man gewinnt fast den Eindruck, als wäre so versucht worden, wenigstens der realen Steigung Rechnung zu tragen. Wenn dies so stimmte, wäre die Intention geradezu absurd.

Warum das alles? Hierzu nur eine ganz knappe Mutmaßung. Es ist gesellschaftlich „gewollt“, Elektro-Autos erfolgreich einzuführen. Deutschland als Vorreiter bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Dazu tut es gut, ein wenig zu übertreiben, was bereits erreicht wurde. Und es ist der weiteren Motivation sicher förderlich, Machbarkeit zu implizieren („1 Mio.“ viel zu niedrig), in Verbindung mit Herausforderung (Steigung nahe der Realität). Im Ergebnis resultiert daraus eine Grafik, die in ihren 15 Sekunden Einblendung eine einfache Botschaft hinterläßt, die gut zum voraussichtlichen nächsten politischen Schritt paßt. Wir schaffen das mit zusätzlicher Prämie, helft mit, nutzt Euren Vorteil, dann klappt das schon.

Dennoch will ich festgehalten wissen, daß diese Darstellung nicht die Wahrheit widerspiegelt, sondern eine „kreativ interpretierte Version der Wahrheit“. Weil in diesem Beispiel die Beweggründe meiner Ansicht nach durchaus begrüßenswert sind, schien es mir geeignet, diese kleine Anmerkung zu schreiben.

Ich möchte aber auch nicht verschweigen, daß mich die Tatsache besorgt, wie einfach man mit Statistik kann; und wie effektiv damit die Meinung von Millionen von Menschen beeinflußt werden kann, wenn die Plattform breit genug ist. Denn leider gibt es auch zahllose andere Beispiele, bei denen die Beweggründe keineswegs so eindeutig positiv sind.

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