Von der Entdeckung eines Landes

Plötzlich Tunesien

Plötzlich Tunesien

Plötzlich

Plötzlich taucht da ein Land namens Tunesien auf. Diesen Eindruck konnte man gewinnen angesichts der Berichterstattung über die Bürgerproteste in dem Maghreb-Staat und den Sturz Präsident Ben Alis. Dass in Tunesien bereits seit Mitte Dezember massiv und nicht nur von “frustrierten, perspektivlosen Jugendlichen” – ein gerne genommenes Klischee der arabischen Welt – gegen die Regierung protestiert wurde, erfuhr man hierzulande Mitte Januar; wenn überhaupt. Als der seit 1987 diktatorisch und mit der üblichen Mafia aus Familienclans, Bürokratie und Geheimdiensten herrschende dann tatsächlich außer Landes flüchtete, herrschte mitten im Medienzeitalter sichtliche Ratlosigkeit.

Von der Entdeckung eines Landes

Die Sondersendung der Tagesthemen brachte zehn Minuten lang wirre Bilder von Straßenschlachten und Kommentare von Protestierenden. Die gebetsmühlenartig wiederholten Phrase vom tunesischen Volk, das seinen Diktator vertrieben habe, war bis Anfang dieser Woche eigentlich der einzige Versuch, die Geschehnisse einzuordnen. Es war offenkundig: Niemand in der Medienlandschaft hatte sich bisher mit Tunesien weitergehend beschäftigt, als mit Reportagen über badende deutsche Urlauber, die denn auch zahlreich nach ihrer Heimkehr zu Wort kamen. Dass eine 23 Jahre währende und mit etwa 170.000 “Sicherheitskräften” bewehrte Diktatur innerhalb eines Monats durch bloße Demonstrationen handstreichartig hinweggefegt worden sein sollte, wurde nicht hinterfragt.

Mythen statt Analyse: Berichterstattung über Tunesien

Statt dessen krochen die modernen Mythen aus den üblichen Ecken: Von der ersten “Wikileaks-Revolution” wurde schwadroniert und ein baldiges Ende aller arabischen “Unrechtsregime” von Algerien bis Saudi-Arabien herbeigebetet. Nichts davon hat sich auch nur annähernd als substanziell erwiesen.
Dass aber bei aller Entschlossenheit und allem bewundernswerten Mut der protestierenden Tunesier der Umsturz ohne die Solidarität der tunesischen Armee mit den Demonstranten leicht hätte katastrophal enden können, findet erst langsam Eingang und vereinzelt Eingang in die Berichterstattung. Ob und wie der politische Umbau des Landes in der Ära nach Ben Ali gelingen kann und welche Rolle dabei die alten Seilschaften spielen werden, ist zur Stunde völlig offen.

Tunesiens Imelda Marcos und französische Waffenhilfe

Unterdessen bleiben gehaltvolle Analysen zu den Hintergründen der griffig “Jasmin-Revolution” getauften Vorgänge in Tunesien gerade im gebührenpflichtigen deutschen Fernsehen und dessen Internetauftritten weiterhin fast völlig aus. Stattdessen wird lieber die zugegebenermaßen schillerndste Figur des Geschehens, Ben Alis Ehefrau Leila, umkreist, die wohl nicht zu Unrecht als eine tunesische Version von Imelda Marcos dasteht.
Den Vogel der Ignoranz aber hatte noch am 11. Januar die französische Außenministerin bereitsabgeschossen, die der Regierung Ben Alis zur Behebung der “Sicherheitslage” das “savoir-faire” (hierzulande meist: “know-how”) der französischen Sicherheitskräfte antrug.

Glücklicherweise war plötzlich Tunesien ein anderes – hoffentlich.

Themenverwandte Artikel, die Sie auch interessieren könnten: