Bischof Mixa: Missbrauch Minderjähriger ist Folge der sexuellen Revolution

Mixa zur Canisius-Affäre

Segnender Christus

Christus erhebt die rechte Hand zum Segen

Nachlese zum “Fall Canisius-Kolleg”. Scholastisches Argumentieren mit Bischof .

Es ist die Woche um Aschermittwoch; traditionell der Tag der provokanten Rede in Politik und Gesellschaft. Früher hieß das Bayern gegen den Rest des Landes, Strauß gegen die rote Gefahr. Dieses Jahr hat ein nervöser Außenminister versucht, die letzten Reste der Angst vor dem “Sozialismus” zu mobilisieren.
Aber gegen die Stellungnahme des Augsburger Bischofs Walter Mixa zum Missbrauchs-Skandal in katholischen Internaten sind das Kinderspiele; Mixa weiß nämlich tatsächlich noch, wo der Feind steht und hat es nicht nachschlagen müssen.

Die “sogenannte sexuelle Revolution” trägt in den Augen des Kirchenmannes Mitschuld an den Fällen von Missbrauch Minderjähriger durch Priester, die, ausgehend vom Berliner Canisius-Kolleg, in den letzten Wochen ans Licht gekommen sind.

Wie hat man sich diese Mitschuld genau vorzustellen? Wurden etwa, wie Mixa anzudeuten scheint, in die Köpfe damals junger Priester die Ideen “besonders progressiver Moralkritiker” eingepflanzt, die “die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen” propagiert hätten?
Kein Zweifel, solche Standpunkte wurden vertreten. Aber, so müsste man rückfragen, ist nicht die katholische die Hüterin des Wissens um Richtig und Falsch? Genügten die Standpunkte einiger Randfiguren der Debatten der 1970er Jahre um dieses Wissen zu erschüttern? Und letztlich: machte die “sogenannte sexuelle Revolution” Priester pädophil?

Das klingt ebenso abstrus, wie die Behauptungen, die darauf hinauslaufen, dass Pädophilie die Konsequenz des Zölibats sei. Auch solche Stimmen waren, wie immer in entsprechenden Debatten, in letzter Zeit wieder zu hören.

Dass die Argumentation Mixas aber tatsächlich in diese Richtung zielt, kann man aus seiner Verurteilung der “zunehmenden Sexualisierung der Öffentlichkeit” ablesen, die “abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt”.

Jetzt wird es deutlich: das Argument, das der Bischof vorbringt, lautet eigentlich, dass niemand auf die Idee käme, sexuellen Kontakt mit Minderjährigen zu wollen, wenn er nicht von “aufklärerischer” Seite auf die Möglichkeit eines solchen Wollens hingewiesen würde.

Diesen Standpunkt kann man nur als grandiose Unterschätzung der Variationsbreite und des Gewaltpotentials des menschlichen Sexualtriebs deuten.

Aber vielleicht meint Mixa auch etwas ganz anderes: Bis in die frühen 1960er Jahre hätte das gesellschaftliche Tabu um die Sexualität wahrscheinlich der Kirche ermöglicht, alle Vorwürfe von Missbrauch Minderjähriger durch ihre Priester einfach abzustreiten. Und mit großer Sicherheit hätten die damaligen Leiter von katholischen Eliteinternaten nicht – wenn auch vielsagend verspätet – Selbstaufklärung betrieben.

Damit läge Bischof Mixa eindeutig richtig.

Aber die jährliche Dunkelziffer von Missbrauchsfällen an Minderjährigen zeigt auch, dass das Tabu keineswegs gebrochen ist. Nur die begrenzte Welt der katholischen Internate wird jetzt thematisiert. Über die Familie, den Haupttatort früher wie heute, wird nicht gesprochen. Und Projekte wie “Kein Täter werden” (www.kein-taeter-werden.de) an der Sexualmedizin der Berliner Charité, wo man ernsthaft nach Möglichkeiten des Umgangs mit Pädophilie sucht, werden verschwiegen oder angefeindet.

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