Der un-heilige Geist. Rücktritt von Bischöfin Käßmann

Käßmann über Rot

Rote Ampel

Grün heißt geh'n, rot heißt steh'n.

Bischöfin tritt wegen Alkohols am Steuer zurück. Ein Erklärungsversuch.

Die Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen in Deutschland (EKD), Dr. Margot Käßmann, wurde am vergangenen Samstag am Steuer ihres Dienstwagens von der Polizei angehalten. Sie hatte in Hannovers Innenstadt eine rote Ampel überfahren, ihr Blut wies einen Alkoholgehalt von 1,54 Promille auf. Keine Woche später trat Margot Käßmann von ihren kirchlichen Ämtern zurück.

Der Vorfall passt gut in die letzten Wochen, in denen Ministerpräsidenten, Bischöfe und Konzernchefs kein Fettnäpfchen ausließen, als gelte es, einen Torheits-Wettkampf zu gewinnen.

Ob bei Rüttgers, Käßmann oder den Managern der Bahn AG, man stellt sich stets die gleiche Frage: Wie um alles in der Welt konnten die Damen und Herren glauben, mit ihren größeren oder kleineren, in jedem Fall aber offensichtlichen Verfehlungen ungeschoren davonzukommen?

Besagt nicht das realistischste aller Gebote, das „elfte“ (für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, dürfte es wohl eher das erste sein), dass man sich, wenigstens, nicht beim falschen Tun erwischen lassen soll?

Geradezu mysteriös stellt sich aus dieser Perspektive der “Fall Käßmann” dar, und die zahlreichen Kommentare zur Alkoholfahrt der Bischöfin und zu ihrem Rücktritt schweigen zur entscheidenden Frage: warum?

Die Kommentatoren und die Bischöfin, die nun wieder “einfache” Pastorin ist, sprechen einheitlich von einem “schweren Fehler”, aber worin bestand dieser?
Hat Margot Kässmann nicht gewusst oder bemerkt, dass sie nicht mehr fahrtüchtig war? Nach mindestens einer Flasche Wein nicht sehr wahrscheinlich. Fährt sie gewohnheitsmäßig betrunken Auto? Wohl eher nicht. Oder etwas vorsichtiger: davon sollte man nicht ausgehen.

Wie dann passiert einem Medienprofi ein solcher Lapsus? Einer Frau, die bereits in unterschiedlichsten Kontexten auf der buntesten Titelseite der Republik zu sehen war und von deren überaus gekonnter Selbstpräsentation die EKD seit Jahren profitierte.

Es scheinen sich nur zwei plausible Erklärungen anzubieten; eine banal, die andere traurig:

Vielleicht ist Margot Käßmann ganz einfach, wie ungezählte andere vor ihr, einer der folgenreichsten Illusionen erlegen, die das Erreichen einer herausgehobenen Stellung und die damit einhergehende, mehr oder weniger große Machtfülle einem Menschen vorgaukeln: Das Gefühl der Unantastbarkeit.

Vielleicht ist einem Teil von ihr aber auch schlicht egal gewesen, ob jene bewusste Autofahrt in der heimischen Garage oder auf „Seite Eins“ enden würde. Vielleicht war das Echo, das der Bischöfin in ihrem neuen Amt als Ratsvorsitzende mit ungleich größerer Wucht entgegenschlug, wenn sie sich in ihrer geradlinigen, aber nicht unbedingt besonnenen Art in die öffentlichen Debatten einschaltete, doch lauter und schwerer zu tragen als gedacht.

Kleine Hinweise in diese Richtung ließ sie in ihrer Rücktrittserklärung fallen und erwähnte ausdrücklich ihre Aussagen zum Afghanistan-Krieg.
Vor allem aber konnte der aufmerksame Beobachter meinen, eine gewisse Erleichterung zu verspüren, die Margot Käßmann neben tapfer getragener Enttäuschung in dieser letzten Amtshandlung auszustrahlen schien.

Wie es wirklich war, wissen wir nicht. Fest steht, dass Margot Käßmann nicht versuchen wollte, die Situation auszusitzen. Das unterscheidet ihr Verhalten deutlich von dem der anderen Protagonisten des derzeitigen „Torheits-Wettstreits“ in Deutschland.

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