Die Rückfälligen von Guantánamo.

Journalisten als Richter

Camp Delta im Lager Guantanamo

Camp Delta im Lager Guantànamo

Wie Journalisten zu Richtern werden.

“Die Rückfälligen von Guantánamo”, so titelten Zeitungen in dieser Woche, unter ihnen unumstrittene Qualitätsblätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Ein Rückfall ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Wiederaufnehmen einer alten Gewohnheit, das üblicherweise negativ konnotiert ist. Beide Wortbestandteile – “Rück”, als “zurück”, im Gegensatz zu “vorn” oder “nach vorn”, “Fall”, das Gegenteil des “Aufstiegs” – machen dies deutlich. Von Rückfall spricht man etwa bei Suchtkranken und eben bei bereits verurteilten Verbrechern, die zu wiederholt straffällig werden.

Was hat dies nun mit Guantánamo zu tun, dem Lager für “illegale Kämpfer” in der von den USA besetzen kubanischen Bucht gleichen Namens?

Aus diesem Gefangenenlager, in dem Häftlinge über Jahre hinweg unter gröbster Missachtung der grundlegendsten, oft als westliche Errungenschaft beschriebenen Menschenrechte, gefoltert und gefangen gehalten wurden, sind bisher 560 Personen entlassen worden.

Zum größten Teil deshalb, weil selbst die Administration von Ex-Präsident George W. Bush – weltweit nicht für ihre Zimperlichkeit in dieser Frage bekannt – keine terroristischen Verbrechen dieser -Insassen feststellen konnte.

Und nun lesen wir, dass “bis zu 20 %” dieser Entlassenen “rückfällig” würden. Sie schlössen sich terroristischen Gruppen an, die es besonders auf US-amerikanische Ziele abgesehen hätten.

Diese wohlkalkulierten Mitteilungen bedeuten nichts anderes, als dass einige Schreiberlinge mit Stift und Tastatur das hinbekommen, was nicht einmal Bushs CIA-Folterknechte und Militärtribunale geschafft haben:

Sie fällen rechtskräftige Urteile, samt Urteilsverkündung vor dem Gerichtshof der Weltöffentlichkeit. Ohne Richter, ohne Beweise, ohne Verteidigung.

Respekt, meine Damen und Herren. Ist das eigentlich nachlaufender Gehorsam, der Ausdruck des berüchtigten “gesunden Volksempfindens” oder nur Quoten- respektive Auflagenschinderei?

Was aber ist eigentlich dazu zu sagen, wenn tatsächlich 20% der in Guantánamo rechtswidrig Inhaftierten nach ihrer Freilassung – schuldig oder unschuldig – beschließen, fortan die USA mit terroristischen Mitteln zu bekämpfen?

Es wäre eigentlich erstaunlich, wenn dieser Prozentsatz nicht höher läge. Oder glauben Sie, dass einige Jahre in Guantánamo einen Menschen friedlicher und zum Freund Amerikas machen?

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