Facebook-Freunde kann man nicht essen.

Illusionen im Internet

Internet-Karte 1982

Kleiner Beginn: Karte des Internets im Jahre 1982.

Haben die Illusionen über das bald endlich ein Ende?

Alle sind gleich, alles ist gratis, die Schwarmintelligenz des Internet wird das einzelne menschliche Gehirn ersetzen: Diese Heilsversprechen, die vor nicht allzu langer Zeit noch die digitalen Predigten und Manifeste der – meist selbsternannten – Internet-Avantgarde bestimmten, haben sich längst als Illusionen herausgestellt.

Hartnäckig halten sich aber grundlegende Missverständnisse über die Natur des Internet. Kern dieser Missverständnisse ist eine paradoxe Verdrehung der Tatsachen, die der virtuellen Realität gleichzeitig die Verschiedenheit zur analogen Welt abspricht und sie ihr andernorts fälschlich zuschreibt.

Was ist gemeint?

Nun, zum einen machen Millionen von Menschen – in Portalen wie und StudiVZ – absolut freiwillig privateste Informationen für alle Welt sichtbar – von den viel subtileren und kaum kontrollierbaren Datensammelstrategien von Google, Amazon und Co einmal ganz abgesehen.

Das kann nur bedeuten, dass nur Wenige bisher verstanden haben, wie viel (Markt-) Macht das Zusammenkommen von immer mehr Informationen über jeden Einzelnen und immer größerer Speicher- und Rechenkapazitäten tatsächlich birgt.
Das größte Problem von Gestapo und Stasi, den akribischsten Datensammlern der Vergangenheit, war die Speicherung und Verarbeitung der Datenfülle. Auf dem Stand der gegenwärtigen Computertechnik existieren diese Probleme nicht mehr und das Datensammeln selbst ist im Internet ein Kinderspiel.

Auf der anderen Seite wird kostenlos Musik heruntergeladen und getauscht und dies damit gerechtfertigt, dass diese Verletzungen des Urheberrechts in Zeiten des Internets nichts anderes seien als kostenlose Werbung. Die Urheber würden, so die Legende, durch diese als Internet-Gratis-Kultur verbrämte Missachtung letztlich neue Geldquellen erschließen.
Letzteres ist für die überwiegende Mehrheit der Künstler schlicht falsch. Man kann ohne Übertreibung von einem kreativen Online-Proletariat sprechen: Freunde auf Facebook und Klicks bei Youtube zahlen einem nicht die Stromrechnung, auch wenn viele Menschen das offenbar glauben.

Dahinter steckt ganz eindeutig die Ansicht, dass im Internet die Regeln der kapitalistischen Wirtschaftsordnung irgendwie anders aussehen als in der analogen Welt.
Tun sie nicht. Google und Amazon belegen, dass hier wie dort vor allem gilt: Die erste Million ist schwer, die hundertste ist kinderleicht.

In Ordnung, mag man entgegnen, im Netz ist auch nichts umsonst und schon gar nicht sind alle gleich oder verdienen gleich viel Geld. Aber was ist mit der “hive mind” der Schwarmintelligenz, der Kreativität, die aus der Vernetzung vieler Gehirne entsteht? Sollte das nicht der zentrale Impuls für menschlichen Fortschritt sein, ja uns alle auf eine neue Stufe des Bewusstseins führen?

Jaron Lanier, Internet-Pionier der ersten Stunde und ehemaliger Protagonist solcher Vorstellungen hat seine früheren Ansichten nun widerrufen: “Die Weisheit, die aus der Menge heraus entsteht, taugt eigentlich nur dazu, Kalkulationen schneller durchzuführen oder den Marktpreis festzulegen.”

Amen.

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