Von Schnee, Salz und Demut

Höhere Gewalt

Höhere Gewalt

Deutschland und weite Teile Europas erleben im zweiten Jahr in Folge das, was in seiner Abwesenheit bis vor kurzem wehmütig ein “richtiger ” genannt wurde. Der Verkehr, am Himmel genauso wie auf der Erde, ist in den letzten zwei Wochen gewaltig ins Stocken geraten. Städte wie Berlin sind ohne Wanderschuhe oder Allradantrieb kaum begeh- bzw. fahrbar, die Feuerwehr klopft mit Hilfe von Leiterwagen Eiszapfen von den Dachrinnen, das Streusalz geht überall zur Neige. Kurz: Wir werden gerade daran erinnert, was das eigentlich bedeutet, höhere Gewalt.

, Salz und Demut

Das kompromisslose Wesen dieser allenfalls noch in Versicherungspolicen so bezeichneten höheren Gewalt war im hurrikan- und erdbebenarmen Nordeuropa offenbar nachhaltig in Vergessenheit geraten. Und das sozusagen systemweit. Denn Flugreisen scheinen in unserer Wahrnehmung ebenso wetterunabhängig wie pünktliche Postzustellung oder die Statik von Flachdächern. Erstaunlich daran ist vo allem, in wie wenigen milden Wintern sich diese Irrglauben verfestigt haben. In gerade einmal etwa dreißig Jahren ist in Vergessenheit geraten, was bei Rilke im “Herbsttag” nüchtern festgestellt wird: “wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.”

… baut sich keines mehr

Diese Zeile drückt es klar aus: Das Problem ist nicht dass es im Winter unserer Breiten mit einiger Wahrscheinlichkeit zu Wetterphänomenen kommt, die eine große Menge gefrorenen Wassers nach sich ziehen. Das Problem ist vielmehr schlicht mangelnde Vorbereitung auf diese Tatsache. Man meint, hinter dieser Kurzsicht eine Variante menschlicher Allmachtsillusion zu entdecken; manchmal ist es aber auch nur Profitgier oder einfach Schlamperei.

Allmachtsphantasien und Schlamperei

Da werden bei unserem immer noch maßgeblich steuerfinanzierten Möchtegern-Börsenunternehmen Deutsche Bah n Wartungskapazitäten wegrationalisiert. Da wird andererseits von den Kommunen der letzte Winter offenbar als “Ausrutscher” gewertet und folgerichtig zu wenig Streusalz geordert. Da kündigen private Straßenreiniger Verträge mit der Stadt , weil diese nun vertraglich festschreibt, dass Gehwege von jenen Unternehmen schnee- und eisfrei gehalten werden müssen. (Man fragt sich, wofür früher gezahlt wurde!)

Keine Sonne

Und dann funktioniert “just in time”, das Mantra der Globalisierung, plötzlich nicht mehr. Selbst Amazon, im Online-Handel so etwas wie die Bank von England, kann seine Lieferzeiten nicht mehr einhalten. Und der Betreiber eines der größten Streusalzproduzenten der Welt, eine ägyptische Firma, antwortet auf die Frage, warum man denn nun nicht schnell mehr Salz nachliefern können, ganz logisch: “No sun” – keine Sonne. Denn die Salzpfannen in der Sinai-Wüste, in denen aus Meerwasser durch Verdunstung Salz gewonnen wird, funktionieren nicht, wenn – wie auch dort im Winter üblich – die Sonne wochenweise nicht scheint. Höhere Gewalt eben.

Es bleibt dabei, man muss sich zwischen Grille und Ameise entscheiden. In diesem Sinne:
Ein frohes neues Jahr!

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