Das wirkliche Problem hinter Google Street View

Geschäftsmodell Öffentlichkeit

Geschäftsmodell Öffentlichkeit

Geschäftsmodell

Um es deutlich zu sagen: Die öffentliche Empörung um Street View und die Versuche, mit diesem Thema das politische Sommerloch zu füllen, sind unsinnig. Dass man sich über die kommende Abbildung von Hausfassaden und die Frage echauffiert, ob Gesichter und Autokennzeichen zuverlässig unkenntlich machen wird und die Datenschutz-Frage stellt, ist angesichts dessen, welche Daten wir freiwillig oder nicht ganz so freiwillig dem anvertrauen, ein trauriger Witz. Nicht diskutiert wird das eigentliche Thema der Gegenwart: Der öffentliche Raum wird neu definiert; er wird zum Geschäftsmodell Öffentlichkeit.

Das wirkliche Problem hinter Google Street View

In den Tagesthemen dieser Woche war ein prominenter Blogger zu vernehmen, der sich dafür aussprach, Google mit Street View doch bitte gewähren zu lassen. Schließlich werde hier lediglich der öffentliche Raum – unentgeltlich – der Öffentlichkeit zum Anschauen im Netz überlassen. Hausfassaden gehören, obwohl zumeist in Privateigentum, zum öffentlichen Raum und sind insofern etwas anderes, als etwa die Räume dahinter, soviel ist richtig. Bezeichnend ist die Aussage jedoch, weil sie – und davor sind offenbar auch “Internet-Experten” nicht gefeit – das private Unternehmen Google selbst, ob seiner scheinbar unentgeltlichen, allgegenwärtigen Angebote, zur Öffentlichkeit machen. Das ist falsch. Richtig ist jedoch, dass im Moment der öffentliche Raum umdefiniert wird. Das ist das wirkliche Problem hinter Google Street View.

Privatisierte Öffentlichkeit

Das Bild des öffentlichen Raumes wird eben nicht von oder im Auftrag der Öffentlichkeit – also in einer mehr oder weniger demokratischen Prozedur, die diesem Gegenstand gut zu Gesicht stünde – ins Netz gestellt. Vielmehr verschafft sich ein einzelnes Unternehmen ein komplettes Bild der Welt, um damit Geld zu verdienen. Denn Google mit Street View mittelfristig darum, eine Verbindung zwischen Suchanfragen und der genauen Position des bei Google Suchenden herzustellen:
Vielleicht sogar ohne dass Sie gefragt hätten, wird Ihr Mobiltelephon Sie in zwei Jahren beim Passieren eines Supermarktes auf dessen aktuelle Sonderangebote hinweisen. Natürlich nicht, ohne dass der betreffende Supermarkt zuvor Google hierfür bezahlt hat.

Vollendete Tatsachen gegen hilflose Politik

Die Strategie von Google, nicht nur bei Street View, ist es, vollendete Tatsachen zu schaffen. Spätestens seit Max Frischs Physikern wissen wir, dass gewisse Dinge nicht rückgängig zu machen sind. Bilder im Netz gehören dazu. Dass die Politik den großen Spielern im Internet gegenwärtig hilflos gegenübersteht, ist mittlerweile Allgemeingut. Mit nationalen Regelungen, die zudem den virtuellen Raum des Internets schlicht nicht “denken” wollen, muss man da – siehe Kinderpornographie – gar nicht anfangen.
Dass aber nichts unternommen wird, um zukünftig der Privatisierung des öffentlichen Raumes zum Geschäftsmodell Öffentlichkeit etwas entgegenzusetzen oder zumindest zu versuchen, die enteignete Öffentlichkeit an den Gewinnen dieses Geschäfts zu beteiligen, ist ein Armutszeugnis.

Man sollte doch meinen, dass die weltweit leeren öffentlichen Kassen genug Anreiz für kreative Lösungen böten.

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