Gedanken eines Abreisenden zu Kultur und Fremde

Fremde Kultur?

Fremde Kultur und verlorener Respekt

Eine fremde Kultur kennenzulernen; ist das nicht – und war das nicht immer – das Ziel aller Reisenden? Was aber ist, wenn einem die fremde Kultur zu fremd ist oder wird? Und was ist es, was einem eine fremde Kultur fremd werden lässt? Und was schließlich ist überhaupt Kultur – fremde oder eigene – und wie erkennt man eine, wenn man sie sieht? In kürzlich miterlebten einem Gespräch dreier “Expatriaten” unterschiedlicher Herkunft ließ einer der Teilnehmer die Bemerkung fallen, er glaube, es werde Zeit, sein Gastland zu verlassen. Er habe, führte er zur Begründung aus, vor einiger Zeit begonnen, auf die hiesige Kultur, also die des besagten Gastlandes, herabzusehen, was ihm den respektvollen Umgang mit dieser fremden Kultur unmöglich mache. Das rief natürlich nach einer Erklärung und die folgte auch. Er sei es leid, so der Tischgenosse, mit dieser Kultur der egoistischen Rücksichtslosigkeit und des kindischen Benehmens umgehen zu müssen. Spätestens seit dem Angriff auf die hiesige seines Heimatlandes fühle er sich in seiner eigenen Kultur, in dem was ihn ausmache, gewissermaßen negiert.

Kultur oder nur Fremde?

Auf das abstoßende Potential alltäglich – etwa im Straßenverkehr – erlebter Rücksichtslosigkeit, Ichbezogenheit und aufbrausend-sorgloser Kindlichkeit konnte man sich schnell einigen. Fremde Kultur oder nicht, ab einer gewissen Häufigkeit solchen erlebten Verhaltens kann man Gefühle der Ablehnung und buchstäblichen Be-und Entfremdung bestens nachvollziehen. Nur das mit der Kultur… Es schien uns ein zu großes Wort im geschilderten Zusammenhang; wir schreckten schlicht davor zurück, die Kategorien der fremden und der eigenen Kultur gegenüberzustellen, ja, diese Ebene überhaupt zu betreten. Denn Kultur, nun ja; wir behaupten nicht, dass wir sie vollständig definieren wollten oder könnten (wenn dies denn möglich oder sinnvoll sein sollte), aber eines scheint doch klar: Kultur, wie sie gemeinhin verstanden wird, ist nichts, was den Einzelfall oder das Vorübergehende meint. Vielmehr meint sie wohl dasjenige Menschengemachte, das von Dauer ist und so auf die Menschen zurückwirkt, die in dieser, ihrer eigenen Kultur sozialisiert werden.

Der schlüpfrige Grund

Und schon sind wir mittendrin in einem “kulturellen” Diskurs, obwohl wir uns, offen gesagt auf diesem moralisch-schlüpfrigen Grund der Kultur, besonders der “fremden vs. der eigenen Kultur” gar nicht hatten einlassen wollen. Denn zumindest einmal ist eine Aussage, die das so-oder so-Sein einer fremden Kultur beinhaltet, eine gewaltig große Gießkanne, mit der man da – um das Bild zu wechseln – Individuen über einen Kamm schert. Lieber wäre uns gewesen, und in dieser Weise setzten wir unser Gespräch auch fort, über das Verhalten von einzelnen Menschen zu sprechen, das uns stört. Aber war das wirklich das, worüber unser Tischnachbar gesprochen hatte? Wenn eine – gefühlt – große Menge von Menschen derselben Herkunft gewisse Dinge tut oder nicht tut, hat man es dann noch in erster Linie mit dem Verhalten von Einzelnen zu tun, oder passt der Begriff der fremden Kultur doch besser?

Auf fremdem Eis

Wenn letzteres der Fall ist, dann wäre das Fremde an der fremden Kultur die Tatsache, dass gewisse Elemente, die man in ihr ausmacht – Verhaltenskodizes etwa – denen derjenigen Kultur widersprechen, in die man selbst sozialisiert wurde. Fremd ist die fremde Kultur also dann, wenn sie – wiederum gefühlt – zu weit von der eigenen entfernt ist, oder gewisse Dispositive denen der eigenen Kultur schlicht widersprechen. Bleibt das Herabschauen, von dem unser Gesprächspartner bezüglich der fremden Kultur gesprochen hatte. Mit dieser Aussage haben wir nun aber die Ebene erneut gewechselt und sind hierarchisch geworden; plötzlich gibt es höher und niedriger stehende Kulturen und wir haben das Feld der “Toleranz” verlassen. Unversehens sind wir von schlüpfrigem auf eisglatten Grund gewechselt oder gar baden gegangen. Stellen wir die eigene Kultur grundsätzlich über die fremde? Kann man die Welt nur in kolonialer Stimmung bereisen? Unser Gesprächspartner war jedenfalls so offen, einen solchen Mechanismus bei sich selbst am Werk zu erkennen und zog die Konsequenz: Weiterziehen. Vielleicht die aufrichtigste der Möglichkeiten.

Themenverwandte Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

  • Frank Poschau

    Mama warum bin ich anders?

    Mein Kind, weil die anderen dich so sehen,
    nicht in dich, flüchtig, fremd, ängstlich.
    Angst teilen müssen, nicht gestehen,
    Fremde nur zum Dienen, gespenstisch.

    Wir sind geflohen, Tod, eingedrungen,
    Hautfarbe, Sprache zum Makel.
    Unser hier ihnen aufgezwungen,
    wir bettelnd, ihr Ehr, ihr Spektakel.

    Ihr Wohlstand, Überfluss, uns beraubt,
    ihre Waffen schossen Vater nieder.
    Mitleid, Spenden in Billigkeit verstaut,
    kamen Peiniger, Schiffe immer wieder.

    Nur hier sehen wollen sie dich nicht,
    Mensch wird erst durch ihre Geburt.
    Hier geboren schauend ins Licht,
    du im Sand, mit Ihnen gehurt.

    Er kam als Tourist, weil ich billig bin,
    wir hunger hatten, wir allein.
    Hilfsorganisationen mittendrin,
    am Strand, im Dreck, auf einem Stein.

    Nur sehen will er dich nicht,
    singt im Kirchenchor, hat die Seinen.
    Weit weg fällt Trauer nicht ins Gewicht,
    hier fickt er im Bett, nicht auf Steinen.

    Du bist nicht anders, eher besonders,
    du weißt um die Fremde, die Einfachheit.
    Wer schaut, nicht fragt, die tun das,
    was dich bewegt, in Erinnerung bleibt.
    Frank Poschau
    28.08.12
    http://www.frank-poschau.jimdo.com