Nach gewaltsamen Ausschreitungen von Salafisten in Tunesien muss der Staat Farbe bekennen

Entscheidung in Tunesien?

Entscheidung in Tunesien?© Getty Images

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Entscheidung in Tunesien?

Die Nächte in Tunesien sind derzeit so ruhig wie selten einmal. Denn in den Ballungszentren Tunesiens herrscht seit Dienstagabend Ausgangssperre. Zunächst zwischen 21 Uhr und 5 Uhr morgens, seit gestern zwischen 22 und 4 Uhr, sind die sonst überaus belebten Straßen der tunesischen Hauptstadt Tunis, aber auch die der Nobelvororte am Meer und der Touristenhochburgen weiter im Süden, menschenleer. Zu Beginn der Woche hatten in Tunis und Umgebung salafistische Gruppen mobil gemacht. Ein Gerichtsgebäude wurde in Brand gesteckt, Polizeistationen angegriffen und in La Marsa, einem der mondänsten Badeorte in Tunesien, wurde eine Kunstausstellung verwüstet. Zuvor hatte Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri die Tunesier zum Aufstand zur Durchsetzung der Scharia aufgerufen. Es ist möglich, dass für Tunesien, das Land der “”, die Zeit der Entscheidung begonnen hat.

Nach gewaltsamen Ausschreitungen von in Tunesien muss der Staat Farbe bekennen

Entscheiden muss sich jedenfalls, so der vielleicht stärkste Eindruck der vergangenen Tage, der tunesische Staat. Tunesien wird nach wie vor von einer Übergangsregierung geführt, in der die “gemäßigt islamistische” stärkste Kraft ist, die auch den amtierenden Präsidenten Moncef Marzouki stellt. Das Verhalten der vor der Revolution gefürchteten Polizei während der salafistischen Krawalle der letzten Woche, lässt jedenfalls darauf schließen, dass sich die tunesische Staatsführung über ihren Kurs gegenüber dem radikalen politischen Islam noch nicht im Klaren ist. Die Salafisten dürften selbst überrascht gewesen sein, wie wenig Widerstand ihnen von Seiten der Ordnungsmacht entgegengestellt wurde. Und auch die politischen Aussagen, die dieser Tage in Tunesien zu hören sind, wirken wachsweich oder gar der Sache der Salafisten gegenüber sympathisch.

“Die Revolution auf der Straße verteidigen”

So rief der tunesische Präsident Marzouki dazu auf, “die Revolution auf der Straße zu verteidigen”. Dabei ließ er – wie so oft – im Unklaren, ob denn der zu verteidigenden Bestand der Revolution in Tunesien ein säkularer oder islamistischer ist. Die tunesische Polizei hatte jedenfalls ganz offensichtlich keinen diesem Aufruf entsprechenden Befehl erhalten. Der Kultusminister, ebenfalls Ennahda, reagierte dagegen deutlich und kündigte eine Anzeige gegen die Veranstalter der Kunstausstellung an, die den Zorn der Salafisten auf sich gezogen hatte, da deren Exponate angeblich den Islam beleidige. Für Außenstehende nicht leicht nachzuvollziehen, richten sich die Hoffnungen derjenigen in Tunesien, die sich für die Zukunft des Landes keinen salafistischen Gottesstaat wünschen, auf das Militär, das offenbar in den Kasernen zusammengezogen wurde. Zu sehen ist von alledem nichts, nicht einmal vor dem Präsidentenpalast stehen mehr Wachen als zuvor.

Verwirrende Normalität

Überhaupt ist die Normalität, die sich dem Beobachter auf den Straßen Tunesiens bietet, vielleicht das verwirrendste Element dieser an Verwirrungen nicht armen Situation. Man sieht – nichts. Doch vielleicht ändert sich das heute, denn in etwa zweieinhalb Stunden ist in Tunesien, wie in der ganzen arabischen Welt, Freitags-Mittagsgebet. Auf Facebook und in anderen Internetforen wird für den Nachmittag zum “Heiligen Krieg” aufgerufen, was immer das bedeuten mag. Die Regierung hat umgekehrt für heute ein landesweites Demonstrationsverbot verhängt. Welchen Weg Tunesien in den nächsten Jahren geht, wird sich sicher nicht am heutigen Tag entscheiden, was auch immer passieren mag. Indizien mag es aber geben und die könnten sehr wohl blutig sein.

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