Islamistische Parteien ernten die Früchte des arabischen Frühlings

Der Islamismus stellt die Gretchenfrage

Der Islamismus stellt die Gretchenfrage© Getty Images

Der stellt die Gretchenfrage

Islamistische Parteien ernten die Früchte des arabischen Frühlings

Der Islamismus, so scheint es, erntet derzeit die in vielerlei Hinsicht mageren Früchte des sogenannten arabischen Frühlings. Islamistische Parteien siegten bei den Wahlen in und , wurden stärkste politische Kraft in Marokko. Und auch bei den ersten freien Wahlen in Libyen wird ein islamistischer Sieg erwartet. Auffällig ist jeweils die nicht nur hierzulande große Unsicherheit, was von dieser Entwicklung zu halten ist. Die Kommentare reichen von wohlwollender Beobachtung und Hoffnung auf die politische Wirkung eines “gemäßigten Islamismus” bis zur mehr oder minder unreflektierten Artikulation diffuser Ängste vor der Errichtung islamistischer Terrorregime unter dem Schwert der Scharia. Wie so oft gehen dabei die Begrifflichkeiten und damit das Verständnis des Phänomens wild durcheinander. Womit aber haben wir es zu tun, mit Islamismus, gemäßigtem Islamismus oder politischem ?

Islamismus oder ?

Der Begriff des Islamismus ist spätestens seit Osama bin Laden und den Anschlägen vom 11. September 2001 untrennbar mit terroristischer Gewalt verknüpft. Für die dringend benötigte präzise Analyse dessen, was in der arabischen Welt jetzt und in den nächsten Jahren passieren wird ist der Schatten von Al Quaida, der nach wie vor jede Nennung des Islamismus überwölbt, gelinde gesagt nicht hilfreich. Für die sachliche politische Auseinandersetzung mit den aktuellen und künftigen Wahlsiegern in dieser unserer Nachbarschaft bestehen allerdings weit gravierendere Verständnisprobleme. In einem Dokumentarfilm über die Bedeutung des Kopftuchs für Frauen in Algerien fragt eine der Protagonistinnen sinngemäß: “Warum soll kein Kopftuch zu tragen eine größere Sünde sein, als nicht fünf Mal täglich zu beten? Das Kopftuchgebot steht schließlich nicht im Koran, die Gebetspflicht schon.”

Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol

Diese Aussage wirft ein Licht auf die politische Blindheit, mit der das Phänomen des politischen Islam – man sieht es bereits am Begriff “Islamismus” – weitläufig betrachtet wird. Denn die Realität dessen, was hier passiert, ist zuallererst politisch-gesellschaftlicher, nicht religiöser Natur. Dass sich der politische Führungsanspruch des politischen Islam religiös begründet, mag für viele religiöse oder weniger gebildete Ägypter oder Tunesier in Grund gewesen sein, der entsprechenden “Partei Gottes” ihre Stimme zu geben. Eine islamistische Regierung aber ist zuallererst und genauso am Erhalt ihrer Macht interessiert wie jede andere. Das Religiöse am politischen Islam ist nicht sein politisches Ziel, es ist der ideologische Modus, mit dem diese politische Kraft Bindungswirkung entfaltet. Der Koran ist, wie die Bibel die Thora oder die Lehren Buddhas für eine Vielzahl höchst unterschiedlicher politischer Projekte zu gebrauchen. Politisch geht es im politischen Islam (oder eben im “Islamismus”) ebenso wie in anderen Kontexten zunächst einmal darum, die vorhandenen ideologischen Bestände erfolgreich für sich zu besetzen. Und diese stammen in der arabischen Welt nun einmal aus der islamischen Tradition.

Der Islamismus stellt die Gretchenfrage

Das oft gehörte Wort von der im Westen erreichten “Trennung von Staat und Kirche” (man schaue übrigens einmal in Niederbayern oder im amerikanischen “Bible Belt” nach, wie weit diese reicht) macht allzu oft blind für die vergesellschaftende Dimension von Politik. In dieser Sphäre der Ideologie ist die Religion nach wie vor ein “Global Player” und zwar ein sehr erfolgreicher. In der arabischen Welt wird man das Votum einer Mehrheit der Wähler wohl oder übel akzeptieren müssen, so hart dies für viele Menschen in Ägypten oder Tunesien auch wird. Wir haben es hier – wenn überhaupt schon – mit jungen Demokratien zu tun, die ihren eigenen Weg finden müssen. Auch die – zum letzten Mal – “Islamisten”, also die Kräfte des politischen Islam werden an ihren politischen Leistungen gemessen werden. Das heißt nicht, dass wir uns vor einem kritischen Dialog drücken könnten. Aber wenn wir nicht demnächst den als EU-Außenminister Kairo und Tunis schicken wollen, müssen wir uns zuvor die Gretchenfrage wieder stellen lassen.

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