Zum Islamismus-Reflex nach den Anschlägen in Norwegen

Der Begriff des Islamismus

Der Begriff des Islamismus

Der Begriff des

Wo man auch hinhörte, nach der ersten Überraschung dass die Worte “Anschlag” und “” in einem Satz gebraucht wurden, die Experten waren sich einig: Islamismus. Bevor überhaupt Einzelheiten der Attentate in und auf der Insel bekannt waren, überall dieselben grund- und letztlich haltlosen Spekulationen. Islamistische Attentäter hätten höchstwahrscheinlich zugeschlagen, zumindest islamistisch motiviert seien die Anschläge doch sicherlich. Selbst als nach kurzer Frist der Attentäter festgenommen war und klar wurde, dass sich die Behauptungen nicht mehr halten ließen, wirkte der Islamismus-Reflex noch. So waren etwa auf “Spiegel Online” seitenweise Abhandlungen über die erneute Terrorgefahr, die Europa nun durch den Islamismus drohe, zu lesen. Das alles gleich unter der Meldung, dass der Attentäter von Norwegen wohl aus dem rechtsextremen Umfeld stamme. Diese reflexhafte Reaktion wirft die Frage auf: Was hat es mittlerweile auf sich mit dem Begriff des Islamismus?

Zum Islamismus-Reflex nach den Anschlägen in Norwegen

Der mediale Islamismus-Reflex gibt einen ersten Hinweis. Ganz offenbar wird inzwischen jedweder gewaltsame Angriff auf den “Westen” automatisch mit den Protagonisten eines radikalen, militant-politischen (sprich: Islamismus) identifiziert. Man muss regelrecht und postum den Hut ziehen vor diesem Marketing-Erfolg Osama bin Ladens und seiner Al Quaida. Doch schaut man sich etwa die Anti--Kampagnen der europäischen Rechten und auch die Äußerungen von Innenminister Friedrich (sein Vorgänger Schäuble ließ hier noch Besonnenheit und Differenzierung walten), so wird klar, dass man es mit einem Diskurs zu tun hat, in dem und Islamismus, mal mehr, mal weniger offen gleichgesetzt werden. Nicht Selbstmordattentäter, die (vermeintlich) im Namen Allahs töten, sind so der erklärte Feind, sondern alle , die – so das immer wiederkehrende Stereotyp – im Begriff seien, Europa zu islamisieren. Demnach wäre der Islamismus die universale Ideologie des , die da lautete: Tod den Ungläubigen.

: Gegen Islam und “kulturellen

Das ist natürlich absurd. Aber danach fragt in diesen Kreisen, die bis weit ins bürgerliche Lager reichen, niemand; die Angst vor dem Fremden und anderes, weit dunkleres Gedankengut, wirken zuverlässig. Wie weit diese Gedanken tatsächlich reichen, kann nun jeder im über 1500 Seiten starken “Compendium” namens “2083 – A European Declaration of Independence” des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik, nachlesen. Dieses Pamphlet, soviel sei gesagt, liest sich in weiten Teilen wie eine gut plagiierte Dissertation, wobei besonders der absolut ruhige, sachliche, gut lesbare Schreibstil befremdet. Inhaltlich reicht die Schrift vom kompletten ideologischen Überbau einer “europäischen Widerstandsbewegung” über die dezidierte Anleitung zum Bombenbau samt elaborierter Verschleierungspläne bis hin zum persönlichen Tagebuch, dessen letzter Eintrag auf einen Tag vor den Anschlägen datiert ist. Im ideologischen Kern findet sich ein klares Schema von Freund und Feind. Und auf der Seite der Feinde der europäischen Kultur sieht Breivik nicht nur den Islamismus, sondern jene Phalanx, die da lautet: Multikulturalismus = Political Correctness = kultureller Marxismus. Mithin die Kräfte, die dem Islam (=Islamismus) erst erlaubt hätten, in Europa Fuß zu fassen.

Die Schatten Weimars

Breivik selbst, der natürlich auf der Seite der Verteidiger der europäischen Kultur steht, bezeichnet sich übrigens als “Kulturkonservativer” und will keinesfalls als Nazi verstanden werden. Wem dies nun alles bekannt vorkommt, der ist vermutlich mit der Geschichte des Antisemitismus im frühen 20sten Jahrhundert vertraut. Man tausche Islamismus und Judentum aus, schon steht man der Melange gegenüber, die in der den gemeinsamen Boden von Rechtskonservativen und Nationalsozialisten bildete. Spiegelbildlich dazu lässt sich heute beobachten, wie die europäische Rechte den alten Feind Judentum aus strategischen Gründen gegen den Islam und die Muslime austauscht. Nach dem Muster “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” findet gleichzeitig eine gruselige Umarmungsbewegung statt, in der die Crème de la Crème der Rechten Europas von Geert Wilders bis zur österreichischen FPÖ die Nähe konservativer Kreise in Israel sucht und findet. Dies ist ein Teil des Gesamtbilds, das zu betrachten die Ermordung von über 70 Menschen durch Anders Behring Breivik uns zwingt. Deshalb ist es durchaus korrekt, zu betonen, dass Breivik “aus der Mitte” der Gesellschaft komme. Was das aber eigentlich bedeutet, muss weit mehr beunruhigen als islamistische Selbstmordattentäter.

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