Die meisten Demenzkranken in Deutschland sterben zu Hause - zum Glück

Demenz zum Tode

Helga Zoehn - Demenz-Patientin in Berlin© Getty Images

Helga Zoehn - -Patientin in Berlin

Demenz zum Tode

Mit Demenz bezeichnen wir im täglichen Sprachgebrauch eigentlich keine Krankheit, sondern eher eine mögliche Begleiterscheinung des Alterns. In der sieht man das anders; Demenz ist dort ein Sammelbegriff für verschiedene – tödlicher – Krankheitsbilder, die sich durch Verlust der zentralen kognitiven Fähigkeiten auszeichnen. Rund zwei Drittel der als dement eingestuften Menschen sind -Patienten. Und die Zahl der Demenz-Kranken steigt in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern parallel zur Lebenserwartung. So sind bereits heute im Schnitt 1,6 Prozent der Bundesbürger an Demenz erkrankt, bis 2050 werden es, konservativ geschätzt, über 4 Prozent sein. Und während es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Grenzen der menschlichen Lebenserwartung in näherer Zukunft erreicht sein werden, werden 2050 von 100 Deutschen 60 über 64 Jahr alt sein.

Die meisten Demenzkranken in Deutschland sterben zu Hause

Es bedarf also keiner höheren Mathematik, um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Demenz-Erkrankungen einzuschätzen; die Konsequenzen für die an Demenz Erkrankten und ihre Familien sind ohnehin gravierend. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Mainz (Dt. Ärzteblatt 110, 195ff.) zeigt einige Facetten der Herausforderungen auf, die die Demenz charakterisieren, vor allem aber weist sie ein deutliches Gefälle zwischen dem privaten und institutionellen Umgang mit Alzheimer respektive Demenz nach. Demnach sterben in Deutschland 42,4 Prozent der Demenzkranken in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, in den USA und unseren westlichen und nördlichen europäischen Nachbarländern liegt dieser Wert zwischen 82 und 95 Prozent. Angesichts der körperlichen und emotionalen Belastungen, die die – auch die mit ambulanter Unterstützung – eines todkranken Angehörigen darstellt, der sehr häufig weder sprechen noch sich an die ihn pflegenden Personen erinnern kann, nötigt dieser Umstand zunächst höchsten Respekt ab.

-Unterversorgung, Decubiti und emotionale Vereinsamung

Betrachtet man die Studie genauer, muss man allerdings konstatieren, dass das Sterben im für Demenzpatienten im Regelfall offenbar auch kaum zumutbar ist. Schmerzmittel-Unterversorgung, durch langes Liegen bedingte, offene Geschwüre (Decubiti) und emotionale Vereinsamung sind nur einige Probleme, die Demenz-Patienten weit häufiger betreffen als nicht demente Kranke. “Eine unzureichende Symptomkontrolle, eine Verkennung des Eintritts in das Endstadium der Erkrankung und belastende Interventionen wie künstliche Ernährung oder Fixierungsmaßnahmen sind weit verbreitet”, so beschreibt die Demenz-Studie die Zustände. Ist man an Demenz erkrankt, so die gut belegte Schlussfolgerung, wird man im anders behandelt. Wer sich nicht mehr verständlich machen kann, bekommt also weniger Aufmerksamkeit. Nur wer sich nicht mit der Situation in hiesigen Normal-Krankenhäusern beschäftigt, wird allerdings den Fehler machen, (allein) das dort arbeitende Personal für solche Zustände verantwortlich zu machen.

Einstweilen ist es hierzulande dem Einsatz der Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen zu verdanken, dass diese in der Mehrzahl dort sterben können, wo sie es nach eigener Aussage fast ausnahmslos möchten; zu Hause. Dass diese Verantwortung nicht mehr lange zu beinahe 60 Prozent in den Familien bleiben kann, zeigen die demographischen Prognosen überdeutlich. Stumme Schreie werden dadurch allerdings nicht lauter; es bräuchte schon einen unüberhörbaren Dauerton.

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