Künstlergruppe

Darmstädter Künstlerkolonie

1. Allgemeines zur Darmstädter Künstlerkolonie

Die Darmstädter Künstlerkolonie war einerseits eine größtenteils mäzenatisch finanzierte Gruppe von Künstlern, die – bei übereinstimmenden künstlerischen Anschauungen – gemeinsam tätig waren. Andererseits bezeichnet der Begriff auch die von den Künstlern errichteten Bauten auf der Mathildenhöhe in , in denen diese lebten und arbeiteten. Sie sind dem zuzurechnen.

Die Mathildenhöhe, mit 180 Metern über NN die höchste Erhebung der Darmstädter Innenstadt, war schon im 19. Jahrhundert eine Gartenanlage des großherzoglichen Hofes und wurde 1833 im Stil eines Englischen Landschaftsparks umgestaltet. Dabei entstand der heute noch erhaltene Platanenhain. Der Garten wurde nach Mathilde Karoline Friederike von Wittelsbach, der Gemahlin Großherzogs Ludwig III., benannt. In den Jahren 1877 bis 1880 wurde auf der Mathildenhöhe ein Wasserreservoir zur Wasserversorgung Darmstadts und 1897 die Russische Kapelle erbaut. Die Bebauung der südlichen Mathildenhöhe durch die von Großherzog Ernst Ludwig 1899 gegründete Künstlerkolonie führte ab 1900 zu der heutigen Gestalt, die durch den von 1906 und das Ausstellungsgebäude aus dem Jahre 1908 (auf dem Wasserreservoir stehend), jeweils vom Architekten Joseph Maria Olbrich entworfen, beherrscht wird.

2. Geschichte und Ausstellungen

Neben München entwickelte sich Darmstadt zum zweiten Zentrum des Jugendstils in Deutschland. Motor dieser Entwicklung war der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein. Bei Besuchen in England hatte sich der weltoffene Großherzog, ein Enkel der Königin Viktoria, mit der Arts and Crafts-Bewegung vertraut gemacht. 1899 berief er sieben junge Künstler nach Darmstadt in die Künstlerkolonie. Er ließ auf der Mathildenhöhe durch den Architekten Joseph Maria Olbrich ein Ateliergebäude errichten, außerdem hatten die Künstler die Möglichkeit, sich eigene Wohnhäuser zu bauen. Neben Olbrich waren Peter Behrens, Hans Christiansen, Ludwig Habich und Patriz Huber weitere bedeutende Künstler unter den Darmstädter Sieben.

Unter dem Leitspruch „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“ erwartete der Großherzog aus einer Verbindung von Kunst und Handwerk eine wirtschaftliche Belebung für sein Land. Das Ziel der Künstler sollte die Erarbeitung neuzeitlicher und zukunftsweisender Bau- und Wohnformen sein. Der Kriegsbeginn 1914 beendete die Epoche des Darmstädter Jugendstils.

2.1. Die erste Ausstellung 1901

Die erste Ausstellung der Künstlerkolonie fand unter dem Titel „Ein Dokument deutscher Kunst“ 1901 statt. Als Ausstellungsobjekte sollten die Kolonie mit den individuellen Künstlerhäusern, das Atelierhaus sowie verschiedene provisorische Bauten dienen. Die Schau wurde am 15. Mai mit einem Festspiel nach einer Idee von Peter Behrens eröffnet und erregte weit über die Grenzen Darmstadts hinaus Aufsehen, endete aber trotzdem im Oktober mit einem größeren finanziellen Defizit. Paul Bürck, Hans Christiansen und Patriz Huber verließen anschließend die Kolonie, wie in den folgenden Jahren auch Peter Behrens und Rudolf Bosselt.

Die Künstler konnten zu günstigen Konditionen Grundstücke erwerben und darauf ein Wohnhaus errichten, das während der Ausstellung als Musterhaus zu zeigen war. So sollten die Bemühungen zur Zusammenführung von , Innenarchitektur, Kunsthandwerk und Malerei an konkreten gebauten Beispielen gezeigt werden. Allerdings waren nur Olbrich, Christiansen, Habich und Behrens in der Lage, sich den Bau eigener Wohnhäuser zu leisten. Während der ersten Ausstellung konnten dennoch acht voll eingerichtete Häuser besichtigt werden. Diese ersten Bauwerke werden bis heute als Beispiele des Darmstädter Stils in den Baugeschichtsbüchern aufgeführt.

2.2. Die zweite Ausstellung 1904

Die zweite Ausstellung zeigte nach den großen finanziellen Verlusten bei der ersten fast nur provisorische Bauten und fiel deutlich bescheidener aus als die erste. Nur die Dreihäusergruppe am Fuße der Mathildenhöhe kam hinzu. Neben Olbrich und Habich hatte die Kolonie 1904 Johann Vincenz Cissarz, Daniel Greiner und Paul Haustein als neue Mitglieder.

2.3. Die dritte Ausstellung (Hessische Landesausstellung) 1908

Die dritte Ausstellung, an der nur hessische Künstler und Handwerker teilnehmen sollten, hatte als Schwerpunkt eine Kleinwohnungskolonie, um zu zeigen, dass moderne Wohnformen auch mit geringen finanziellen Mitteln möglich waren. Sie stand unter dem Motto „Für freie und angewandte Kunst“. Der Kolonie gehörten zu dieser Zeit außer Olbrich auch Albin Müller, Jakob Julius Scharvogel, Joseph Emil Schneckendorf, Ernst Riegel, Friedrich Wilhelm Kleukens und Heinrich Jobst an.

Nach Plänen von Olbrich wurde 1908 zusammen mit dem Hochzeitsturm das daneben liegende Ausstellungsgebäude als Gebäude für freie Kunst eröffnet, in dem die Mitglieder der Künstlerkolonie ihre Arbeiten auf dem Gebiet der Kunst und des Kunstgewerbes ausstellen konnten. Das Gebäude steht auf den Gewölben eines geschlossenen, ursprünglich nur mit Erde abgedeckten Reservoirs für die Wasserversorgung Darmstadts.

2.4. Die vierte Ausstellung 1914

Der Schwerpunkt der letzten Ausstellung lag vor allem im Bereich des Mietwohnungsbaus, für den Albin Müller am Nordrand der Mathildenhöhe eine zusammenhängende Gruppe aus acht dreigeschossigen Mietshausbauten errichtete. Drei Häuser enthielten Mustereinrichtungen verschiedener Koloniemitglieder. Als rückwärtiger Flügel dieser Baugruppe wurde ein fünfgeschossiges Ateliergebäude errichtet. Die Wohnhauszeile wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, das Ateliergebäude mit seiner braun gebänderten Südfassade blieb aber erhalten. Auch der neu gestaltete Platanenhain und das Löwentor (jetzt Eingangstor zum Park Rosenhöhe) können heute noch besichtigt werden.

3. Exemplarische Gebäude

3.1. Hochzeitsturm

Das Wahrzeichen Darmstadts ist der 48 Meter hohe Hochzeitsturm, der auf der Mathildenhöhe steht. Der Architekt Joseph Maria Olbrich gestaltete den 1908 fertig gestellten Backsteinturm im Auftrag der Stadt Darmstadt als Geschenk zur Erinnerung an die Hochzeit des Großherzogs Ernst Ludwig mit Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich am 2. Februar 1905. Markant sind die fünf abschließenden Bögen des Daches, die an eine ausgestreckte Hand erinnern, weshalb er auch „Fünffingerturm“ genannt wird. Der Turm wird dem Jugendstil zugeordnet. Als Gebäude gehört er zum Komplex des damals neuen Wasserreservoirs und der Ausstellungshalle und Gemeinschaftsateliers der Künstlerkolonie.

In der Eingangshalle befinden sich zwei Mosaiken von Friedrich Wilhelm Kleukens, „Der Kuß“ und „Die Treue“. Die Decke ist als Nachthimmel gestaltet. Der Aufzug wurde später installiert.

3.2. Ernst-Ludwig Haus 1901

Portal des "Ernst-Ludwig-Haus" auf der Mathildenhöhe (Darmstädter Künstlerkolonie)

Portal des "Ernst-Ludwig-Haus" auf der Mathildenhöhe (Darmstädter Künstlerkolonie)

Als gemeinschaftliches Ateliergebäude wurde das Ernst-Ludwig-Haus nach Plänen von Joseph Maria Olbrich gebaut, dem einzigen Architekten und der zentralen Figur in der – Peter Behrens betätigte sich ursprünglich nur als Maler und Graphiker. Die Grundsteinlegung fand bereits am 24. März 1900 statt. Das Ateliergebäude war zugleich das Festgebäude der Künstlerkolonie und das erste Haus auf der Mathildenhöhe. In der Mitte des Hauptgeschosses lag der Versammlungs- und Festraum mit Gemälden von Paul Bürck, links und rechts davon schlossen sich je drei Ateliers der Künstler an. Im Untergeschoss befanden sich zwei Künstlerwohnungen und Wirtschaftsräume. Die sechs Meter hohen Kolossalfiguren „Mann und Weib“ oder „Kraft und Schönheit“ stammen von Ludwig Habich und flankieren den Eingang, der in einer Portalnische mit vergoldeten Pflanzenornamenten liegt. Die Häuser der Künstler wurden um das Atelierhaus gruppiert. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts erfolgte eine Rekonstruktion des Gebäudes und ab 1990 die Einrichtung des Museums Künstlerkolonie Darmstadt.

3.3. Haus Deiters

Das Haus für Wilhelm Deiters, den Geschäftsführer der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie, wurde von Olbrich entworfen und im Erdgeschoss ausgestaltet. Das Erdgeschoss konnte während der ersten Ausstellung besichtigt werden. Es ist das kleinste der Häuser und bezieht seine besondere Form aus der Eckgeometrie des Grundstücks am Schnittpunkt zweier Straßen. Olbrich griff bei seinem Entwurf auf Elemente der englischen Landhausarchitektur zurück. Es blieb ohne Kriegsschäden und wurde nach verschiedenen wenig sensiblen Renovierungen und Umbauten 1991-1992 äußerlich originalgetreu restauriert. Es gehört heute der Stadt. Es wird in den kommenden Jahren zur Galerie des 19. Jahrhunderts umgebaut und dabei denkmalgerecht saniert.

3.4. Großes Glückerthaus 1901

Olbrich war auch Architekt des Hauses für Julius Glückert, das größte Wohnhaus der Ausstellung. Julius Glückert war Möbelfabrikant und ein wichtiger Förderer der Künstlerkolonie, er hatte das Haus als schlüsselfertiges Verkaufsobjekt vorgesehen. Kurz vor der Fertigstellung entschloss er sich aber dazu, das Gebäude für eine ständige Einrichtungsschau mit Erzeugnissen seiner Fabrik zu nutzen. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, dann wiederaufgebaut und in den 1980er Jahren restauriert. Heute ist es Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

3.5. Haus Behrens 1901

Peter Behrens, Maler und Kunstgewerbler, entwarf als Architektur-Autodidakt sein eigenes Wohnhaus als Erstlingswerk mitsamt der kompletten Inneneinrichtung – wodurch es besonders deutlich als einheitliches „Gesamtkunstwerk“ wirkt. Das Haus war mit 200.000 Mark Gesamtkosten aber auch das teuerste der Ausstellung. Dank einer Erbschaft konnte er sich diesen luxuriösen Bau leisten. Behrens bewohnte das Haus nie, sondern verkaufte es bald darauf. Es wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, aber zumindest äußerlich weitgehend originalgetreu wiederaufgebaut. Einige Ausstattungsstücke bzw. Möbel wurden offenbar schon früher aus dem Haus entfernt und blieben so erhalten. Behrens gilt heute als Architekt des Expressionismus und als Wegbereiter des modernen Industriebaus.

3.6. Haus Olbrich 1901

Olbrichs eigenes Haus war mit 75.000 Mark relativ preiswert. Das Gebäude besaß ein rotes Schopfwalmdach, das an der Nordseite bis über das Erdgeschoss heruntergezogen war. Alle Details der Inneneinrichtung hatte Olbrich selbst entworfen. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950-1951 – oberhalb des Erdgeschosses völlig verändert und vereinfacht – wiederaufgebaut. An das Original erinnern heute nur noch die weißen und blauen Fliesen an der Fassade. Olbrich lebte bis zu seinem frühen Tode 1908 in diesem Haus. Ab 1980 wurde es vom Deutschen Polen-Institut genutzt. Der weiße Marmorbrunnen, ein aus einer Quelle trinkender Jüngling, gehört zum Werk des Bildhauers Ludwig Habich und stammt aus dem Jahr 1901.

Bildquelle: Wikimedia Commons

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