Die EU braucht zum Überleben mehr als Brot und Spiele

Brot und Spiele

Brot und Spiele, diese meist auf den römischen Dichter Juvenal (ca. 60 – 130) zurückgeführte Formel besitzt, das wird oft vergessen, zwei Seiten. Marcus Cornelius Fronto (ca. 100 – 170), ebenfalls Römer, zudem Anwalt und berühmter Redner, berichtet, dass insbesondere Kaiser Trajan (53 – 117) der Ansicht gewesen sei, dass sein Staatsvolk am besten durch Brot und Spiele (oder genauer: “Getreide und Schauspiele”) im Bann zu halten sei. Entsprechend habe Trajan gehandelt und immerhin erreichte das Römische Reich unter seiner Herrschaft seine größte Ausdehnung – wenn diese auch weder unproblematisch noch von großer Dauer war. Ob aus Brot und Spielen mittlerweile “Fressen, Ficken, Fernsehen” geworden ist, oder – vielleicht spezifischer und ehrlicher – Hartz IV, Aldi, CSI, Wok-WM, Facebook und Internet-Pornos; wir lassen es dahingestellt.

Feldherren und Beamte

Wichtiger erscheint uns ein Blick auf die andere Seite der Plakette Brot und Spiele. So kritisiert Juvenal in seiner 10. Satire nicht etwa die Herrschenden, die sich Brot und Spiele zunutze machten, sondern deren Untertanen, die ihre Macht mit Freuden an “Feldherren und Beamte” abgegeben und nun außer Brot und Spielen weiter keine Wünsche hätten. Nun ja, der derzeitige “Wahlkampf” ist aber auch langweilig, oder? Und warum sich über Europas Schulden Gedanken machen, wenn die Beträge ohnehin unvorstellbar sind und wir am Ende sowieso zahlen? Und überhaupt: Läuft in Deutschland nicht alles bestens? Das kann man sich derzeit tatsächlich einreden, wenn man mal Staatsschulden, Armut und NSU beiseitelässt und sich an den quasi-Vollbeschäftigungs-Zahlen der Arbeitsagentur berauscht. In unserer direkten Umwelt – , falls das im Zweifel war – sieht es teilweise schon weniger gut aus. Die bröckelt an einigen Ecken, das ist offensichtlich. Und es wird nicht zu unser aller Nutzen sein, wenn sie bricht; soviel Prognose trauen wir uns zu.

Die EU braucht zum Überleben mehr als Brot und Spiele

Wie aber passen Brot und Spiele mit der EU zusammen? Bei Brot denkt man im EU-Kontext am ehesten noch an Richtlinien zu Form, Inhalt oder Farbe des Backwerks, bei Spielen vielleicht an den ehemaligen “Grand Prix d’Eurovision”, heute “European Song Contest” genannt (warum eigentlich?). Nein, was Europa, bzw. die EU heute zusammenhält, ist der Binnenmarkt. Der Rest sind vorläufig Sonntagsreden, wenn überhaupt. Und hier liegt das Problem. hat, um das unvollständige Bild von Brot und Spielen hier zu verlassen, “ gepanzert mit ” als Formel für das geprägt, was einen Staat zusammenhält. Das gilt nach wie vor. Und für diesen Konsens braucht es, gerade wenn es nicht rund läuft, mehr als den . Man kann also über Giorgio Agambens durchaus nicht durchdachtes “” zu Recht spotten. Dass aber eine (quasi-) staatliche Einheit wie die EU zum Überleben ein “höheres Ziel” braucht, als zusammen oder aneinander zu verdienen, mag in diesen Zeiten verwundern. Es stimmt trotzdem. Brot und Spiele werden nicht reichen.

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