In den Plädoyers im Prozess gegen Anders Behring Breivik tauschen Anklage und Verteidigung die Seiten

Breivik: Krank oder schuldig?

In den Plädoyers im Prozess gegen Anders Behring Breivik tauschen Anklage und Verteidigung die Seiten

Wahrscheinlich noch vor dem Jahrestag der Ermordung von 77 Menschen durch Anders Behring Breivik wird die norwegische Justiz das Urteil im Prozess gegen Breivik gefällt haben. Vor der Urteilsverkündung gegen im Juli oder August dieses Jahres ging der Prozess gegen den Attentäter in diesen Tagen mit den Schlussplädoyers zu ende. Ist Anders Breivik schuldfähig oder nicht, lautete dabei die Frage, die von Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit vertauschten Rollen beantwortet wurde: Während die Verteidigung auf Gefängnis und damit Schuldfähigkeit plädierte, beantragte die Staatsanwaltschaft Einweisung in die Psychiatrie. Krank oder schuldig – was bedeutet das im Fall Breivik?

Breivik: Krank oder schuldig?

Für Anders Breivik selbst ist die Frage klar. In seinem Geständnis gibt Breivik die 77 Morde in Oslo und auf der Insel Utöya offen zu, verneint aber die “juristische Schuld”. Er hält seine Taten für gerechtfertigt, sie seien notwendige Aktionen zur Verteidigung Norwegens und des gesamten “Abendlandes” gegen die “Islamisierung” gewesen. Die erkennbare Gefühllosigkeit, mit der Breivik durch den ganzen Prozess hinweg von seinen Taten und Opfern sprach, war für die Prozessbeobachter erkennbar das monströseste Detail eines nicht nur für die Angehörigen der Ermordeten schwer auszuhaltenden Prozesses. Das Plädoyer der beiden Staatsanwälte und auch der Tenor desjenigen psychiatrische Gutachtens, das Breivik für krank erklärt hatte, schienen sichtlich unter dem Eindruck zu stehen, dass nicht zuletzt diese Gefühlskälte nur die Diagnose “krank” zulässt.

Rollentausch zwischen Anklage und Verteidigung

Man müsse, so die Staatsanwaltschaft am Ende ihres Plädoyers, auch im Falle Breiviks im Zweifel, der an seiner Schuldfähigkeit angebracht sei, für den Angeklagten urteilen, daher die Forderung der Einweisung in die Psychiatrie. Die Verteidigung – in augenfälligem Rollentausch mit der Staatsanwaltschaft – sieht das anders und mit ihr drei Viertel der Norweger: Anders Breivik sei schuldfähig, er habe seine Opfer nach politischen Gesichtspunkten ausgesucht und genau gewusst was er tat, als er sie erschoss beziehungsweise in die Luft sprengte. Es scheint ganz so, als tue sich der norwegische Staat, den die Anklage im Prozess vertritt, wesentlich schwerer als die Bevölkerung des Landes, Breiviks Taten in sein Gesellschaftsbild einzuordnen.

vs. Gesund und Krank

Die Taten Breiviks dürfen demnach offenbar nur die eines Kranken sein. Die Auseinandersetzung mit einem voll schuldfähigen, “gesunden” Anders Breivik, der kaltblütig 69 Jugendliche – einzeln und gezielt – erschießt, scheint der “symbolischen Ordnung”, also der “Idee” von zu gefährlich werden zu können. Interessanter Weise lässt die Reaktion der Bevölkerung auf die Plädoyers im Breivik-Prozess auf den gegenteiligen Befund schließen: Breivik hat gemordet und soll folglich, wie jeder andere Mörder, mit Gefängnis bestraft werden. Mit Breiviks Begründungen seiner Taten will sich natürlich trotzdem niemand ernsthaft beschäftigen. Das ist, in Kenntnis seiner Pamphlete, wahrscheinlich auch weder möglich noch sinnvoll – für den unausgesprochenen “Allverständnis-Anspruch” eines Staatswesens aber natürlich problematisch.

Denn “Gut” und “Böse” als volkstümlich-unhinterfragte Vorstellungen, die jedem unbewussten Urteil über Taten wie die von Anders Breivik zugrunde liegen, sind – abgesehen vielleicht vom Vatikan und den USA – nicht Teil des Selbstverständnisses der westlichen Staatenwelt. Die medizinische Unterscheidung zwischen “gesund” und “krank” muss deswegen herhalten. Die tatsächlich „Staats-tragende“ Einstellung dürfte im Fall Breivik die der norwegischen Bevölkerung sein, nicht die des Staates.

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