Bin Laden, Obama und die Gerechtigkeit

Bin Laden, Obama und die Gerechtigkeit

Bin Laden, Obama und die

ist tot. Nach amerikanischen Angaben wurde er am frühen Morgen des 2. Mai von einer US-Spezialeinheit im pakistanischen Abbottabad aufgespürt und durch einen Kopfschuss getötet. Kein Erdloch also, wie noch bei Saddam Hussein, vielmehr ein großzügiges, massiv gesichertes Anwesen war demnach die letzte irdische Unterkunft von , dem meistgesuchten Mann der Welt. Für die Weltöffentlichkeit bleibt ein verwackeltes Photo eines offenbar spärlich möblierten Raums mit einem enormen Loch in der Wand als Beleg. Weit erstaunlicher aber als der Tod des Mannes, zu dessen Credos “Sie werden mich nicht lebend kriegen” gehörte, war die Art und Weise, wie US-Präsident Barack Obama den Tod bin Ladens kommentierte. Ganz im Stil seines Vorgängers, George W. Bush, teilte er der Welt mit: “Justice has been done”.

Betrachtungen zur politische Rhetorik nach dem Tod von Osama bin Laden

Die deutschsprachigen Medien übersetzten diesen markigen Satz Obamas einhellig mit “Der Gerechtigkeit wurde genüge getan.”. Genau genommen ist es erst diese Übersetzung, die den präsidentiellen Nachruf auf Osama bin Laden bewerkenswert macht. Denn die Diskrepanz zwischen diesen Ausdrucksweisen ist so offensichtlich wie bedeutungsvoll: Wer von der Gerechtigkeit spricht, der genüge getan wurde, spricht zuallererst davon, dass eine feststehende Norm der Gerechtigkeit existiert, von der im konkreten Fall eine bestimmte Aufforderung zum Handeln ausgeht. Ist man dieser Aufforderung nachgekommen, hat man der Gerechtigkeit genüge getan. Hinter dieser Floskel steckt also letztlich die Vorstellung von Gerechtigkeit als absolutem Wert, der uns – qua göttlichem Befehl oder über den Verstand – zugänglich ist. Denn, wie anders sollten wir sonst erkennen können, was zu tun ist?

Zweierlei Gerechtigkeit

“Justice has been done.”, die Formulierung, mir der den Tod bin Ladens kommentierte, spricht eine andere Sprache. Um diese zu verstehen, müssen wir ganz wörtlich übersetzen: “Gerechtigkeit wurde getan”, heißt es dann etwas holprig und durchaus in der Bedeutung von “Gerechtigkeit wurde gemacht”. Wir sehen sofort: ein absoluter, feststehender Gerechtigkeitsbegriff, von dem das Handeln ab- oder gar angeleitet wird, ist hier eindeutig nicht impliziert. Vielmehr entsteht diese Gerechtigkeit erst und zwar durch das Handeln selbst; in diesem Fall durch einen Kopfschuss.
Aber man möge sich nicht täuschen: Keiner der beiden Gerechtigkeitsbegriffe ist ohne Probleme. Der eine, weil er das Wissen um ein Absolutes meint voraussetzen zu können, der andere, weil er dem Handelnden gleichzeitig normsetzende Macht einräumt. Welche “Gerechtigkeit” nun die “wahre” ist, ist eine Frage für die Theologie oder das philosophische Proseminar. Die Differenz benennen sollte man jedoch, denn politische Rhetorik ist nicht immer nur heiße Luft.

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