Warum Berlin nicht zu fassen sein darf

Berlin ist eine Enklave

ist eine Enklave

“Berlin ist eine Enklave im Land Brandenburg”. So kann man das auch sagen und so steht es im Artikel “Berlin” in der deutschen Wikipedia. Bei näherer Betrachtung ist dies aber wohl vor allem zu eng gefasst. Berlin ist sicher eine Enklave – und wir sprechen hier nicht von West-Berlin, Luftbrücke und Kaltem Krieg – allerdings eine Enklave in Deutschland. Zunächst die bekannten Fakten: Mit 3,5 Millionen Einwohnern ist Berlin beinahe doppelt so groß wie die nächstgrößere Stadt im Land, Hamburg. Bei der Fläche rückt HH zwar näher an die heran, aber von den 755,33 km² der Hanseaten sind auch 185,99 km² Landwirtschaftsfläche. Fischgründe wahrscheinlich. Ist auch egal, zählt jedenfalls nicht. (Mehr Daten zu diesem Vergleich: hier)

Die heben sich nicht auf

Aber der schiere, faktenmäßige Abstand zum Rest Deutschlands ist nicht das, was Berlin zuallererst zur Enklave macht. Es sind andere Dinge, die nur hier gehen und nicht anderswo. Vor allem aber ist es eins: Man kriegt Berlin in keine Schublade. Groß, klein, laut, leise, alt, neu, edel, abgewrackt, voll, leer, schwarz, weiß, arm, reich, schön, hässlich. Stimmt alles und im Zweifel innerhalb eines Straßenzuges. Diese Tatsache über Berlin ist mit der vielbemühten “Vielfalt” nur schlecht bezeichnet. Vielfalt; das klingt so nett, so als ob wir uns alle gleich an den Händen nähmen um glücklich und zufrieden die Sonne in der Spree versinken zu sehen. Das ist, mit anderen Worten, auch nur eine Schublade, wenn auch eine bunte, plüschige. Aber Berlin ist sperrig; Gegensätze befinden sich hier nicht im Prozess hegelscher Aufhebung, sie stehen sich gegenüber und ob sie sich prügeln oder zusammen einen heben gehen, weiß vorher keiner. Dritte Möglichkeit: Sie ignorieren sich einfach.

Warum Berlin nicht zu fassen sein darf

Dieses potentiell feindliche, freundliche oder einfach unverbundene Nebeneinander von Gegensätzen qualifiziert Berlin erst als Großstadt. Das gleiche Phänomen erlebt man in , , , nur dass es überall dort nicht 40 Jahre zwei Städte statt einer gab. Dieses Nebeneinander ist auch das, was bei Berlin-Besuchern aus dem Rest der Republik und selbst bei vielen, die noch nie hier waren, für so viel Verunsicherung sorgt. Menschen sind nun einmal darauf gepolt, sich auf alles einen Reim zu machen. Die Psychologen nennen das die Vermeidung von kollektiver Dissonanz. Berlin, ist bei Licht betrachtet, eine einzige kollektive Dissonanz. Das macht die Stadt manchmal schwer aushaltbar. Es macht sie aber auch aus. Und: Kollektive Dissonanz tendiert zum Verschwinden, weil die Menschen sie nicht mögen. Wenn man Berlin also etwas Gutes tun will, tut man nichts dafür, die Stadt gleicher, einheitlicher, verstehbarer zu machen. Es allen leicht zu machen, diese Berliner (Nicht-) Verhältnisse mit eigenen Augen zu sehen, ist hingegen ein sinnvolles Ziel.

Man kann es auch so sagen: Die S-Bahn Berlin zu sanieren ist richtig, das Stadtschloss wieder aufzubauen ist falsch. Und an den Rest der Republik: Hauptstadt, Baby.

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